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Urvertrauen – Verlust und Entfaltung einer grundlegenden Kraft

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Text von Ulla Schwab
 

„Das Urvertrauen ist ein inhärenter Seelenzustand. Die Seele hat Urvertrauen, so wie die Knochen Calcium.“ Dieser radikalen Aussage des spirituellen Lehrers A.H. Almaas1 können wir entnehmen, dass Urvertrauen durch den Menschen nicht erlangt, erworben oder entwickelt werden kann – Urvertrauen ist vielmehr ein der Seele innewohnender Zustand.
Es handelt sich um ein Phänomen, das bereits da war, bevor es auch nur einen Gedanken gab, also ein sogenanntes prä-konzeptuelles Konzept. Es kann als Fundament für die gesamte Entwicklung der Seele bezeichnet werden. Das Urvertrauen kann auch nicht durch eine bestimmte Erfahrung definiert werden. Es zeigt sich vielmehr indirekt in seinem Verlust im Denken, Fühlen und in den Handlungen des Menschen. Unsicherheiten, Sorgen und Kümmernisse, die nahezu jeder Mensch in seinem Leben kennt, sind ein Hinweis darauf, dass sein Kontakt zur Seele unzureichend oder gestört ist. Ist Urvertrauen im Menschen anwesend, zeigt es sich in ihm durch eine gewisse Unbeschwertheit und Sorglosigkeit, unabhängig davon, welchen Erfahrungen und Erlebnissen dieser Mensch in seinem Leben begegnet. 

Wie macht sich fehlendes Urvertrauen im Leben der Menschen bemerkbar? Almaas zeigt das in den folgenden Worten auf: „Wer kein Urvertrauen besitzt, reagiert auf alles, was auftaucht, gemäß seiner Konditionierung und will, dass die Dinge für ihn einen ganz bestimmten Verlauf nehmen. Er lässt nicht zu, einfach nur gegenwärtig zu sein. Er ist angespannt und kontrahiert. Wir brauchen also Urvertrauen, um fähig zu sein das Ego sterben zu lassen und auch um bereit zu sein, einfach nur zu sein, ohne zu reagieren.“

Was ist aus Sicht der inneren Lehren die eigentliche Ursache für den Verlust des Urvertrauens? OM C. Parkin benennt dafür die Idee des Menschen, eine getrennte Wesenheit zu sein. Diese Idee bezeichnet er als die Perspektive des Egos; sie nennt sich auch einfach ‚Ich‛. Diese Blase der (falschen) Realität führt zum Verlust des Urvertrauens und um diesen Verlust wiederum zu kompensieren, zu nicht enden wollenden vergeblichen Versuchen, das Urvertrauen wieder zu erlangen. Im folgenden Zitat verdeutlicht Almaas die Perspektiven des Egos, die der Mensch eingenommen hat, sowie die Folgen und Konsequenzen, die sich aus dem Verlust des Urvertrauens ergeben: „Die Trübung des Urvertrauens ist ein Grundfaktor der Entwicklung des Egos, weil die Perspektive des Egos in völligem Gegensatz zum Gefühl des Urvertrauens steht. Die Perspektive des Egos entsteht, weil es an diesem Vertrauen mangelt. Sie basiert auf Misstrauen, Paranoia, Angst und der Überzeugung, dass nicht ausreichend für mich gesorgt wird und dass das Universum nicht da ist, um mich so zu halten und so zu versorgen, wie ich es brauche. Diese Überzeugung führt zu dem Glauben, dass ich alle möglichen Manipulationen und Spiele veranstalten muss, um meine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen und um die Dinge zum Guten zu wenden.“

Letztlich versucht der Mensch durch diese manipulativen Anstrengungen, in fortwährendem Kampf gegen die Realität, Sicherheit zu erlangen. Der ständige innere Kampf kann als Versuch des Ichs bezeichnet werden, Sorgen und Ängste zu verringern und Harmonie und Entspannung herzustellen, um schließlich wieder eine vertrauenswürdige Situation zu schaffen. Der Verlust des Urvertrauens und der daraus entstehende Kampf, der ein Widerstand gegen die Realität ist, führt jedoch zu einer dauernden inneren Unruhe, einer Unruhe, die gespeist ist von nicht wahrgenommener Angst. Diese Unruhe äußert sich in ständiger innerer Aktivität, dem Gefühl unablässig etwas tun zu müssen. Das Ich glaubt sich einmischen zu müssen, das Leben in Gang bringen oder auch ausbremsen zu müssen. OM bezeichnet diese innere Bewegungsform – nach dem Verständnis der grundsätzlichen polaren Kräfte von Yin und Yang im Bewusstsein des Menschen – als falsches Yang.2 Wie aber entsteht falsches Yang? Falsches Yang deutet darauf hin, dass echtes Yin fehlt oder nur ungenügend anwesend ist. „Die erste Begegnung mit dem Yin-Prinzip, die ein Mensch, der inkarniert, in diesem Leben hat, ist die Begegnung mit der Urmutter. Wenn diese Begegnung mit dem Yin-Prinzip genommen und verinnerlicht wird, wenn sie nicht verloren geht, verleiht sie dem Menschen eine tiefe innere Ruhe.“ Mit diesen Worten erschließt OM den Zusammenhang zwischen dem Urvertrauen und der Urmutter. 

Die fehlende Verbindung mit der Urmutter hat zur Folge, dass die mütterlichen Qualitäten der Urmutter fehlen. Solch ein Mensch fühlt sich nicht versorgt, er fühlt sich allein gelassen, hat möglicherweise auch konkrete Schwächen in der eigenen Versorgung, nicht nur physisch, auch im höheren Sinne auf der seelischen Ebene. Dass dieser Mensch in dauernder Angst lebt, lässt sich in folgendem Zitat von Almaas deutlich erspüren: „Ohne Urvertrauen haben wir kein Vertrauen in unser Wesen, unsere inneren Ressourcen und das Universum, das uns erschaffen hat, uns unablässig unterstützt und versorgt und das uns auch weiterhin mit allem versorgen wird, was wir wirklich brauchen. Ohne dieses Vertrauen erfahren wir uns selbst nicht als die Kinder des Universums, die wir in Wirklichkeit sind. Wir erleben uns als ausgesetzt, ausgestoßen, allein gelassen und nicht nur allein gelassen, sondern mangelhaft und ohne jegliche Fähigkeiten. Wir erleben uns selbst als allein, als isoliert, als getrennt, nicht vom Universum versorgt und gleichzeitig klein, unfähig und ohne eine Möglichkeit uns selbst zu versorgen. So leben wir also in einem ständigen Zustand der Angst. Das ist die Grundeinstellung des Egos.“ 

Wenn die innere Nabelschnur zu dem Prinzip der Urmutter getrennt wird, bleibt ein verlorenes Kind zurück. Die verlorene Urmutter ist jedoch kein persönliches Prinzip, es ist ein vor-persönliches, vor-geistiges Prinzip, ein Grundstadium in der Bewusstseinsentwicklung des Menschen; eine verlorene Urmutter lässt ein verlorenes Kind zurück. Vor diesem Hintergrund können auch menschliche Fehlentwicklungen wie Erscheinungen von Regression gesehen werden; ein wesentlicher Grund, warum ein Großteil der (körperlich) erwachsenen Menschen in einem – zumindest emotional – infantilen Zustand lebt. Dieser kindliche Zustand im Geiste des Menschen wird dann im Pseudo-Erwachsenen durch eine Form der Kontrolle kompensiert. Die Perspektive des Egos besteht immer aus diesen beiden Polen: Einmal ist da ein verlorenes Kind, das im Grunde durch Hilflosigkeit geprägt ist, und andererseits ein Pseudo-Erwachsener, der durch Formen der Kontrolle, der Verhaltensanpassung, ein erwachsenes Leben imitiert. Dieser Zustand ist nicht der natürliche Zustand des Menschen, in diesem Zustand ist die Seele nicht fühlbar. 

In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Phänomen zu sehen, gegen das die Menschheit ankämpft. Es ist der grundlegende, alles verschlingende Sog der Urmutter: Sie entlässt ihre Kinder nicht. Die Kraft der Urmutter nennt OM die niedere Oktave des Urweiblichen, die einerseits dem Menschen in die Inkarnation verhilft, andererseits versetzt sie den Menschen aber auch in eine Art Schlummerzustand, der ihn hindert, evolutiv aufzusteigen. Der Versuch sich loszureißen aus der Umklammerung der Urmutter führt den Menschen zu der Vorstellung, sie nicht zu brauchen, zu der Idee: „Ich kann es allein.“ OM nennt dies die gescheiterte Heldenreise des Menschen, die in den Lehren des Enneagramms vornehmlich an Punkt 6 zu finden ist; im Ego dieser Fixierung wird sie als eine Reise in die Freiheit verkauft. „Der Enneagramm-Typ Sechs zeigt eine auf einem Verlust des Urvertrauens aufbauende Denkstruktur: Wenn es innerhalb der persönlichen Welt keine Kontrollinstanz mehr gibt, dann bricht Anarchie aus, dann werden möglicherweise Kräfte entfesselt, die gewalttätig sind, unzähmbar und roh. Es herrscht die Überzeugung, dass der Mensch nicht von sich aus gut ist. ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‛, spricht der Volksmund. (…) Die Menschen sind bewegt, irritiert und ängstlich durch einen möglichen Zustand, in dem es keine persönliche, moralische Instanz mehr gibt.“3 In dem Verlust des Vertrauens in die Welt, des Vertrauens in Gott, vertraut das Ich eigentlich zutiefst sich selbst nicht. Der Mensch fühlt nicht bis in die Tiefe, dass es gut ist.

Wie aber kann die Verbindung zum Urvertrauen wieder hergestellt werden? Der Verlust des Urvertrauens ist eine Entwicklungsstörung. Auf einem inneren Weg kann das, was in der ersten Entwicklung fehlte – weil die rechten Mittel, die nur durch die inneren und höheren Lehren zur Verfügung sind, einfach nicht zur Verfügung waren – in der zweiten Entwicklung geheilt und nachgeholt werden. Auf einem inneren Weg kann die Perspektive des Egos wieder bewusst Kontakt aufnehmen mit dem verlorenen Urvertrauen und so eine Erfahrung des Wohlwollens dem Leben gegenüber erlangen. Durch den tiefer werdenden Kontakt zur Seele öffnet sich ein intimer innerer Raum und eine Haltung eines tiefen inneren Vertrauens sich selbst gegenüber. In der Tiefenschicht gibt es dann eine fühlende Gewissheit, die von unten aufgestiegen ist. Das Urvertrauen wieder zu entdecken, bedeutet das Bauchwissen wieder zu finden. Dazu OM: „Urvertrauen ist jene Kraft, die wir im Prinzip der Urmutter dann finden, wenn wir den bewussten Abstieg auf dem bewussten involutiven Bogen gehen und aus dem höheren Bewusstsein heraus wieder mit dieser Kraft Kontakt aufnehmen.“ 

Vertrauen erscheint dem Ich, vor allem dem Ich des westlichen Menschen – dem in seiner Perspektive der Zweifel innewohnend ist –, nicht ohne weiteres angemessen. Nur wenn er sich sicher fühlt, kann er vertrauen. Es braucht auf dem inneren Weg eine bewusste Entscheidung für einen Vertrauensvorschuss, einen bewussten Schritt, das Sicherheitsnetz zu verlassen. Bei allen Kompensations-Versuchen des Ichs, eine Situation der Sicherheit herzustellen – die ja nicht zu wirklicher innerer Harmonie führen, obwohl sie diese Absicht besitzen – geht es im Grunde darum, in einer Art indirekten Annäherns an das Urvertrauen einen inneren, tieferen, natürlichen, der Seele innewohnenden Ruhezustand wieder zu finden. Der Ruhezustand, der als passiver Zustand gesehen werden kann, führt in den höheren Lehren des inneren Weges in die Lehre des Nicht-Tuns. Der Auftrag der Lehre des inneren Weges ist es nicht – innerlich oder äußerlich – zu lernen etwas anders zu machen, es geht vielmehr um das Erfassen der Kunst des Nicht-Tuns. Und das Nicht-Tun wird realisiert durch eine Annäherung über das Aufgeben des Tuns. 

Bei allen Unternehmungen des Ichs aus der Perspektive der Angst, die oben als ‚gescheiterte Heldenreise‛ beschrieben sind, ist die Urmutter und die Befreiung von ihr nicht integriert. In der wahren Heldenreise geht es darum, sich auf einem integralen Entwicklungsweg aus den Umschlingungen der Urmutter zu befreien. Auf diesem Weg wird die Urmutter und die Befreiung von ihr integriert. Auf die Befreiung folgt als nächster Schritt die Transformation.

Nur durch einen Transformationsprozess ist Entwicklung im Menschen möglich. Es ist ein Stirb- und Werde-Prozess, ein Tod- und Neugeburtsprozess der vertikalen Entfaltung der Seele des Menschen in höhere Bewusstseinszustände. Dieser Transformationsprozess geschieht in drei Schritten: Der erste Schritt ist ein Todesprozess, das Aufgeben des Festhaltens an einer alten Welt, die die Identität eines Menschen darstellt, das Aufgeben von Überzeugungen, festgehaltenen Bildern, begrenzten Glaubenshaltungen über die Realität. Urvertrauen verleiht die Fähigkeit und Bereitschaft dazu. Der zweite Schritt ist die Neugeburt. Es ist eine offen neugierige Geisteshaltung, möglicherweise auch mit Angst, die das Neue willkommen heißt, ohne es zu kennen, ohne zu wissen, was kommt. Den dritten Schritt nennt OM das Leben, neues Leben. Dieses neue Leben hat die Bereitschaft zuzulassen, dass sich die Dinge unabsehbar, spontan und natürlich entwickeln, ohne dass es jemanden gibt, der sich in diese Entwicklung einmischt. 

Und dann gilt es, die Verbindung zum Urvertrauen zu nähren und die üblichen Versuche des Eingreifens durch einen Denkvorgang – in wacher Eigenverantwortung – zu erkennen und zurückzuweisen. „Das bekannteste Heilmittel, das direkteste Heilmittel, das der Angst zugeordnet ist, ist das Urvertrauen. (…) Das Urvertrauen ist im Geiste der meisten Menschen irgendwie beschädigt. Doch ist diese Beschädigung, diese Verletzung nicht wirklich in der Vergangenheit geschehen, sie geschieht in diesem Augenblick. Deshalb sind sie verantwortlich dafür, diese Beschädigung in diesem Augenblick zu fühlen und dafür zu sorgen, dass sie sich dem wieder zuwenden, anstatt das vergangene Leben verantwortlich zu machen, oder Gott. Wer sehr nah ist mit dem Einen Lehrer, dem Herzen in diesem Moment, der hat Urvertrauen.“4

 

Inhaltlich entnommen und zitiert aus Vorträgen von OM C. Parkin, die im Kloster Gut Saunstorf stattfanden:
„Urvertrauen, Verlust und Entfaltung einer grundlegenden Kraft“, 18.10.2019 
„Die Umarmung der Urmutter als grundlegende Kraft“, 21.09.2018 

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1 Hameed Ali Almaas (A. H. Almaas ist das Pseudonym von A. Hameed Ali), geb. 1944 in Kuweit. Er gilt als Schöpfer des „Diamond Approach to Self-Realization“. Der Diamant-Ansatz ist eine zeitgenössische Lehre, die sich sowohl im Kontext alter spiritueller Lehren als auch moderner tiefenpsychologischer Theorien entwickelt hat. Almaas ist Gründer der Ridhwan School, einer Schule für innere Arbeit, die sich der Verwirklichung der wahren Natur des Menschen widmet. Die Ridhwan-Schule hat Zentren in Berkeley/Kalifornien und Boulder/Colorado.

2 „Bei Yang handelt es sich um das männliche Prinzip Himmel, Feuer, Energie, Bewegung, Aktivität; bei Yin um das weibliche Prinzip Erde, Wasser, Materie, Stillstand, Passivität. Der Übergang von Yin zu Yang ist dabei fließend, zudem enthält das eine das andere (s. Yin/Yang-Symbol); sie sind letztlich untrennbar und zusammen Eins.“, OM C. Parkin, Intelligenz des Erwachens – Die spirituelle Neugeburt des Menschen, advaitaMedia, S. 550

3 OM C. Parkin, ebenda S. 58

4 OM C. Parkin, Angst – Die Flucht aus der Wirklichkeit, advaitaMedia, S. 99 
 

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