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Der Wandel von Satsang

Was bleibt nach dem Strohfeuer der Satsang Bewegung?

Interview mit OM C. Parkin

Im letzten Born to be. newsletter stand die Ankündigung, dass zum Thema eine ausführliche Äußerung von OM C. Parkin folgen wird. Aus einem Interview mit OM entstand der Artikel „Der Wandel von Satsang“, den er selbst als eine der wesentlichen Mitteilungen der letzten Jahre bezeichnet. Der Artikel wird in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift connection spirit veröffentlicht, allerdings in gekürzter Form. Da die Ausführungen richtungsweisend für die weitere Entwicklung der Arbeit des spirituellen Meisters OM C. Parkin sind, machen wir hier den Originalartikel in vollem Umfang zugänglich und legen das Studium jedem ans Herz.

Schon im Jahr 1993 begannst Du damit, in Deutschland Satsang zu geben. Damals gab es meines Wissens nach keinen einzigen öffentlich auftretenden Satsang-Lehrer in Deutschland. Satsang war unbekannt. Erleuchtung kein Thema. Dann wurden wir Zeuge einer großen Inflation: Die Satsang Bewegung kam ins Rollen. Es sieht für mich so aus, als seist Du nie Teil dieser Bewegung gewesen, obwohl sie durch Dich mit losgetreten worden ist. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

OM Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Als ich Mitte der 90er Jahre aus den Vereinigten Staaten endgültig nach Deutschland zurückkam, begann ich damit, regelmäßig Satsangs zu geben. Satsang war zu der Zeit noch vollkommen unbekannt in Deutschland. Währenddessen wurde Sri Poonjaji in Lucknow von westlichen Suchenden geradezu überflutet. Mitte der 90iger organisierten wir Gangaji in Hamburg. Im Jahr 1997 erschien bereits das erste größere Buch Die Geburt des Löwen, das Material aus Satsangs wiedergibt und eine knappe Autobiographie enthält. Was dann folgte, war eine Zeit großer Expansion. Ich begann damit, an immer mehr Orte zu reisen und besuchte verschiedene Länder. Immer mehr Lehrer tauchten auf, durch die Satsang gegeben wurde. 

Dann kam ja aus den USA ein erstes, irritierendes Signal: Gangaji gab keine Satsangs mehr, nannte sie um in „public meetings“.

OM Ja, das war eine Reaktion auf das, was ich in Anlehnung an einen Witz von Mullah Nasruddin „die Suppe von der Suppe von der Suppe“ nannte. Denn wir wurden Zeuge von einem geradezu zwangsläufigen Phänomen unserer Zeit, eine Art von beschleunigter Verwässerung durch eine horizontale Breitenbewegung des denkenden Geistes, die einsetzte. Diese Breitenbewegung wurde durch Konzepterleuchtung beherrscht, so wie es das Enneagramm durch die Beschreibung der geistigen Welt des Ennea-Typs 7 aufzeigt. Der Geist, der hier beschrieben wird, ist quasi der Repräsentant der Postmoderne, ein „erleuchteter Dilettant“. Das Enneagramm beschreibt ihn auch als personifizierte Infantilität, das ewige Kind. Er hat alles verstanden („neunmalklug“), aber nichts realisiert. Hat alles kurz berührt und nichts wirklich durchdrungen und kann das nicht unterscheiden. Von Ich-Transzendenz keine Spur. Enneagramm-Lehrer sehen sowohl die Sannyas-Bewegung von Osho, als auch die New-Age-Bewegung im Allgemeinen im Ennea-Typ 7 fixiert. 

Vielleicht erinnerst du dich an eine Aussage des Baul-Meisters Lee Lozowick aus der Zeitschrift Connection im Jahr 1994, welches ich auch in Intelligenz des Erwachens zitiert habe. „Ihr widerlichen Kerle, die ihr glaubt, ihr wäret Lehrer, nur weil ihr in Indien wart, drei Tage bei Poonjaji, der euch erzählt hat, ihr wäret erleuchtet.“ 

Was zuerst in den Vereinigten Staaten geschah, wurde auch in Deutschland immer sichtbarer: Überall traten vermeintlich „erwachte“, oder „erleuchtete“ Satsang-Lehrer auf: Satsang mit Thomas, Satsang mit Detlef, Satsang mit Ananda usw. (Anm: frei erfundene Namen). Im Englischen würde man diese Lehrer „half-baked“ nennen, halbbacken, was vermutlich für viele noch ein schmeichelhafter Ausdruck ist. Es war dann der Zeitpunkt gekommen, auch den Namen meines Veranstalters, der Satsang-Allionce e.V. (Anmerk.: Allionce e.V. – Auszug aus der Satzung: „Zweck ist ebenso die Förderung der individuellen Suche nach innerer Erkenntnis und des Strebens nach persönlicher Entfaltung.“) aufzugeben. 

Aus der Satsang-Bewegung ist z.B. auch das hervorgegangen: Ende Juli 2014 sind dort 73 spirituelle Lehrer registriert, von denen 51 zum aktuellen Jahreskongress erscheinen wollen. OM ist nicht dabei. Was ist der Grund?

OM Interesselosigkeit.

Sind das tatsächlich alles „erwachte Lehrer“? 

OM Das verlangt nach einer differenzierteren Sicht. Wenn Scharlatane mit Halbbackenen und authentischen spirituellen Menschen und vielleicht sogar einigen Erwachten bunt gemischt auf eine Bühne gesetzt werden, dann geschieht aus künstlerischer Sicht ein interessantes Experiment. Aus Sicht der inneren Lehre handelt es sich um jenen spirituellen Gemischtwarenladen, in dem Suchende seit Beginn der New-Age-Bewegung herumstöbern. Ich habe in einem Interview, das im vom Februar dieses Jahres veröffentlicht wurde, bereits alles dazu gesagt. (s. www.kloster-saunstorf.de

Du hast vor Kurzem eine größere Veranstaltung für Schüler zu dem Thema der „Drei Geistesverschmutzungen“ gehalten, ein Konzept aus der buddhistischen Lehre. Sind es diese Geistesverschmutzungen, die zu dieser Verwässerung der Lehre führen?

OM Verwässerung ist eigentlich ein verharmlosender Begriff. Vergiftung wäre angemessener. Denn diese drei Geistesverschmutzungen werden auch die drei Geistesgifte genannt. Unzureichende Kenntnis des Geistes, des sogenannten Unterbewusstseins und der subtilen Tendenzen (im Hinduismus vasanas genannt) führen dazu, dass die Geistesgifte wirken. Diese Gifte sind innere Horizontalbewegungen des Geistes, die mit bestimmten Leidenschaften (wie Angst, Eitelkeit oder Bequemlichkeit) in Verbindung stehen.

Was wird denn genau vergiftet?

OM Der Brunnen. Die Quelle. Und damit die Reinheit. Die innere Reinheit und die Reinheit der Lehre. Bei Gangaji habe ich immer eine große Reinheit bezeugen können, eine völlige Unbeflecktheit. Papaji hat es auch Keuschheit genannt, ein Begriff, der fälschlicherweise auf Sexualität bezogen worden ist und damit seine ursprüngliche Bedeutung verlor.

Diese Veroberflächlichung, welche Du die Suppe von der Suppe nanntest, ist also eigentlich eine Form der Vergiftung, eine Form der Verunreinigung durch ein immer noch existierendes Ich, welches angeblich längst im Nirvana verschwunden ist.

OM Die ganze Tragödie um den amerikanischen Lehrer Andrew Cohen, der sich 25 Jahre lang für erleuchtet hielt, ist ein gutes Beispiel. Er predigte Verhaltensregeln für „Erleuchtete“ und fiel dann durch Missbrauch an seinen Schülern auf, bis er durch den öffentlichen Druck, der bis in die innersten Kreise reichte, gezwungen wurde, anzuerkennen, dass die vermeintliche „Erleuchtung“ nichts anderes gewesen war, als ein Ideal seines eigenen Ich-Geistes. Das hatte ihm Gangaji schon 1991 in einem Satsang mitgeteilt.

Die Advaita-Lehre war nie eine Lehre für die Masse der spirituellen Sucher und wird es vermutlich auch nie sein. Man muss sich vergegenwärtigen, dass selbst Ramana Maharshi und alle Lehrer aus seiner Linie (oder auch: Nicht-Linie) im Westen eigentlich ziemlich unbekannt waren, die Zahl der westlichen Menschen, die in seinen Ashram reisten, war bis in die 90er Jahre im Grunde minimal. Papaji hat über Jahrzehnte mit einer Handvoll Menschen aus dem Westen zusammengesessen, und das obwohl er selbst den Westen bereist hatte und auch in Europa war. Die plötzliche Erweiterung seines Bekanntheitsgrades, welche den Beginn der Satsang-Bewegung auslöste, war einem außergewöhnlichen Umstand geschuldet: In Poona hielten sich nach Oshos Tod 1990 noch Massen von Westlern auf und einige Osho-Schüler entdeckten Papaji, saßen mit ihm im Satsang. Was das Fass jedoch zum Überlaufen brachte: Es kehrten einige „erleuchtet“ nach Poona zurück. Diese unglaubliche Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Daraufhin stiegen die Schülerzahlen bei Papaji rasant an. Als ich 1991 das erste Mal bei Papaji war, fand der Satsang noch in seinem Wohnzimmer statt. Dann mussten Schüler in zwei Schichten eingelassen werden und bald musste eine Satsang-Hall gebaut werden, um der Massen Herr zu werden.

Würdest Du sagen, dass damit auch das Ende dieser Bewegung schon vorauszusehen war? Eigentlich war es ja grundsätzlich positiv, dass Papaji von den Schülern entdeckt wurde, dass ein neuer lebender Meister auftrat.

OM Die Satsang-Welle war ein Strohfeuer. Dieses Strohfeuer brannte vielleicht 15 Jahre. Und nachdem das Strohfeuer abgebrannt war, zeigte sich, dass sich die jahrhundertealten - oder ich muss sagen - jahrtausendealten Bedingungen, unter denen Menschen einen Weisheitsweg zu gehen haben, nicht verändert haben durch dieses Strohfeuer. Es war für viele auch so etwas wie ein kurzer Rausch, in dem sie Erleuchtung für so nah hielten wie nie zuvor. Dann kehrte die große Ernüchterung ein. Die Party war vorbei.

Was fehlte denn dann grundsätzlich, um aus diesem Strohfeuer ein Dauerfeuer entstehen zu lassen?

OM Reife. Die Advaita-Vedanta-Lehre ist, so wie Zen, eine Lehre, die in ihrer Essenz kaum jemand aufnehmen kann. Im wahrsten Sinne kann sie niemand aufnehmen. Es ist eine Lehre vom Ende des Weges. Ich muss das präzisieren: Sie ist nicht das Ende des inneren Weges, sie ist das Ende des persönlichen Weges. Vedanta, das sich zusammensetzt aus veda (Wissen) und anta (Ende) bedeutet ja das Ende der Veden, also das Ende des heiligen Wissens. Und natürlich ist es nicht der Begrenztheit dieser Lehre geschuldet, dass die Masse sie nicht aufnehmen kann; es ist der Begrenztheit derjenigen geschuldet, die nicht in der Lage sind, diese Lehre aufzunehmen. Ich erinnere mich an einige Veröffentlichungen, in denen Therapeuten sich darüber ausließen, Satsang würde beispielsweise emotionale Traumata von Menschen nicht integrieren. Dass es nicht Satsang ist, sondern der „Satsang-Lehrer“, der Satsang noch gar nicht realisiert hat, diese Unschärfe im Geiste der Autoren blieb in diesen Artikeln unaufgedeckt.

Es interessiert mich schon, da weiter zu fragen, was zur nötigen Reife führen kann, denn jetzt sind wir 20 Jahre weiter. Geschieht Reife per se durch die Zeit oder braucht es besondere Bedingungen? 

OM Die Weisheitslehre lehrt menschliche Reifungsstufen, die universellen Gesetzmäßigkeiten der Bewusstseinsevolution unterliegen. Diese Stufen sind mit zweidimensionalen Leitermodellen nicht ausreichend beschrieben, weshalb Bewusstseinsforscher, wie Ken Wilber, auch eher von ineinanderfließenden Wellen sprechen. Das ändert aber nichts daran, dass es eine universell zu beobachtende Reihenfolge von Stufen gibt, durch die die Evolution in jedem Menschen fortschreitet. Niemand kann diese Gesetzmäßigkeiten aushebeln oder Stufen überspringen. Es gibt ja häufig die Oberflächenbetrachtung von plötzlicher Erleuchtung, auf die ich auch im Interview mit Premananda eingegangen bin (Anm: gemeint ist das Buch von Premananda: „Europäische Meister – Facetten des Erwachens“), z. B. Ramana sei gar keinen Weg gegangen und hätte plötzliche Erleuchtung erfahren. Mein Kommentar dazu ist: Das ist eine unscharfe Betrachtung eines Geschehens, das in sehr verdichteten Zeitabfolgen ablief, die Plötzlichkeit von Realisation-jenseits-der-Zeit ist dann die Auflösung der vorangegangenen Stufen eines Werdeprozesses in der Zeit. Dieser Plötzlichkeit arbeitet also die Allmählichkeit eines Werdeprozesses zu, die nicht einfach negiert oder durch das Konzept der Nicht-Realität von Zeit ausgehebelt werden kann. Es gibt einen Werdeprozess. Bei Ramana Maharshi geschah ein Prozess lediglich in einer immensen Verdichtung, so dass er Schichten binnen Minuten durchlief, für die der gewöhnliche Suchende vielleicht Jahre, Jahrzehnte, oder länger benötigt. Das ist das eigentliche Wunder.

Wenn du Biographien von Menschen liest, durch die eine derart finale Realisation geschehen ist, dann findest du auch Beschreibungen einer langen, vorausgehenden Suche, einer Reifung, einer Vorbereitung durch Innere Arbeit. Wenn eine plötzliche Erleuchtung geschieht, die man auch als einen Quantensprung verstehen kann, ohne dass die entsprechende Reifung - sprich die Entwicklungsstufen - in diesem Organismus durchlaufen worden sind, dann wird diese Erleuchtung auch als eine vorübergehende Gipfelerfahrung keine dauerhafte Natur annehmen. Das heißt, es handelt sich nicht um Erleuchtung, sondern um eine Erleuchtungserfahrung. Ein Gefäß muss vorbereitet sein. Wenn das Gefäß nicht vorbereitet ist, wenn es nicht entleert ist vom Geist, dann wird das, was dieses Gefäß noch anfüllt - das unterbewusste Material dieser persönlichen geistigen Welt - wieder in Wirkung treten,  zwangsläufig. Es ist nur eine Frage der Zeit. Du erinnerst dich vielleicht an die bekannte Zen-Geschichte, in der der Zen-Meister dem Schüler Tee eingießt und die Tasse überläuft …

Das Thema ist ja das Ende der Satsang Bewegung. Wir hatten vorhin davon gesprochen, dass der Beginn wie eine Eruption war, so eine große Welle. Ich sehe auch einen Wert in dieser Satsang Bewegung, nämlich Menschen überhaupt auf einen spirituellen Weg aufmerksam zu machen. Davon ausgehend ist doch auch eine Entwicklung  von der Breite in die Tiefe möglich. Nach Osho’s Tod wurden ja spirituelle Meister entdeckt wie Ramana Maharshi, Poonjaji, Gangaji, OM, Nisargadatta, Ramesh Balsekar. Hat die Satsang Bewegung nicht auch ihr Gutes? 

OM Wer hat gesagt, sie sei „schlecht“? Ich zeige nur das auf, was ist und scheide das ab, was nicht ist. Es ist nicht notwendig, sich darüber zu beklagen, dass diese Eruption – wie du es nanntest – advaitischer Lehre im Westen nur ein Strohfeuer war, denn es konnte auch nicht mehr sein als das. Aber die Frage ist doch: Was geschieht in den Menschen, nachdem das Strohfeuer abgebrannt ist? Dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Dann entscheidet sich, wer überhaupt ernstzunehmender Schüler des Weges ist. Wer ES wirklich wissen will. Und wer überhaupt bereit ist, den Zustand des Kindschülers zu verlassen und in den erwachsenen Zustand bewußter Schülerschaft einzutreten. Viele „Schüler“, die jahrelang bei Satsang Lehrern saßen, sind noch gar keine Schüler des Weges. Selbst Schüler, die bei mir in der Mysterienschule sind, sind allein deshalb noch nicht in dem Zustand bewußter Schülerschaft. Die wahre Schülerschaft reift innerlich heran, sie kann nicht durch einen äußeren Akt, wie durch den Beitritt zum inneren Kreis eines Lehrers erlangt werden.

Die Satsang Bewegung ist aus der Sannyas Bewegung von Osho hervorgegangen, die Anfänge in Papajis Wohnzimmer habe ich ja bereits erwähnt. Das bedeutet auch, daß sie von kollektiven geistigen Tendenzen beherrscht wurde, die auch die Sannyas Bewegung durchdrangen. Und die Sannyas Bewegung war zu großen Teilen eine kindliche, spirituelle Bewegung von Kindschülern. Mit absteigenden, regressiven Praktiken, die sich viel zu viel um den physischen Körper und um den Emotionalkörper drehten, ohne zum Kern menschlichen Leidens vorzustossen. Dazu muß ein Schüler des inneren Weges beginnen, sorgfältig die Spuren des denkenden Geistes zu lesen: in der geistigen Welt. Dort gibt es kein Spektakel, keinen Rausch, keine religiöse Exstase beim Singen spiritueller Lieder, kein Gemeinschaftserlebnis. Dort wird es still. Still und fein.

Die Satsang Bewegung hatte folglich den gleichen kindlichen „Geschmack“.  Es bedarf einer Loslösung aus dem spielerischen Zustand kindlich-spiritueller Feier und Sorglosigkeit. Denn diese Spiritualität ist nicht frei, sie ist prärational. Um in den erwachsenen Zustand bewußter Schülerschaft hineinzureifen, muß ein Schüler die Schwelle der Verantwortung nehmen. Verantwortung fügt der kindlichen Unbeschwertheit die natürliche innere Schwere hinzu, und diese  Schwere wandelt sich in Tiefe. Kinder haben noch keine Tiefe.

Es saßen tausende von Menschen im Laufe der Jahre mit mir im Satsang, später im Darshan, und in dieser ersten Phase meines Lehrens wurde DAS ohne jegliche Grenze profus, überfließend einfach an jeden Anwesenden weitergegeben. Das reine Ausfließen, so wie ich es im Grunde auch durch Papaji erlebte. Natürlich sprach Papaji die Wahrheit. Es gab in dem Sinne niemanden, der Rücksicht darauf nahm, in welchem Reifezustand der Empfänger ist. Ich kann bezeugen, dass es in mir ganz ähnlich war. Es gab einfach nur die Wahrheit DESSEN-WAS- IST. Das nahm Präsenz an im Darshan und jeder konnte sich davon nehmen, wozu er in der Lage war. 

Kann man das, was Du gerade mitgeteilt hast, als die erste Phase deines Lehrens bezeichnen? Du hast Dich ja bis zu einem gewissen Grade zurückgezogen, machst weniger Reisen und konzentrierst Dich mehr auf Deine direkten Schüler, seitdem Du seit 2010 auf Gut Saunstorf-Ort der Stille lehrst. Welche Wandlung der Lehre, von Lehrformen ist geschehen? Wie ist es dazu gekommen, dass der Zustand des Empfängers eine immer größere Rolle einnahm?

OM Formeller Darshan vermittelt noch keine vollständige Weisheitslehre. Und die vollständige Weisheitslehre kann auch nicht allein im Darshan vermittelt werden. Vor einigen Jahren besuchte ich Gangaji bei einem public meeting in Hamburg, welches sie mit ihrem Mann Eli gab. Als ich rausging, war in mir nur ein Satz: „Das reicht nicht.“ Und er bezog sich auf all diejenigen Menschen, die jahrelang zu Satsangs tingelten, sich als „Schüler“ bezeichnen. 

Ein nicht unerheblicher Anteil derjenigen Menschen, die immer dann zu Darshans erschienen, wenn ich gerade ihre Stadt besuchte, waren nicht viel mehr, als „spirituelle Konsumenten“. Keine Schüler, die ES wirklich wissen wollen. Deshalb schwand in mir das Interesse daran, den Geist dieser Menschen zu bedienen. Diejenigen leidenschaftlichen Menschen, in denen das Feuer wirklich brennt, die suchen und finden ihren Weg zu einem Meister. Er kommt nicht zu ihnen nach Hause und klopft an ihre Tür, ohne dass sie ihn rufen.

Es gibt Biographien verschiedener Lehrer, die nach der Realisation zwei Phasen ihrer Tätigkeit bezeugen konnten. Zuerst die absolute Phase und als Zweites dann die absolut-relative Phase. Es scheint sich um eine ganz natürliche Gesetzmäßigkeit zu handeln, dass ‚der Schock des Absoluten‘, wie ich ihn auch nenne, zunächst keinerlei weiteres Interesse für die relative Welt zulässt. Dem entspricht das 8. Bild des Ochsen-Zyklus der Zen-Bilder. Im 9. Bild werden dann „Bäume wieder zu Bäumen“, „Berge wieder zu Bergen“ und „Menschen wieder zu Menschen“. Die relative Welt kehrt zurück, in ihrem So-sein. Die Hochzeit des Werdens und des SEINS beginnt. Die absolut-relative Phase wird eingeleitet und in diesem natürlichen Übergang kehrt auch das Interesse am Menschsein zurück und damit auch das Interesse am Werden, an Evolution. Diese Hochzeit kann nur durch ein Paradoxon beschrieben werden. Wie kann sich das, was bereits vollkommen IST, vervollkommnen? Es ist die Vervollkommnung der Vollkommenheit. Bezogen auf das Menschsein bedeutet das die harmonische, integrale Entwicklung des Menschen, der sich seiner SELBST gewahr ist. Eine Entwicklung hin zum höchstmöglichen Potential, welches durch diese Form möglich ist. Das ist der integrale Yoga, ein Begriff, der von Sri Aurobindo stammt. Dieser integrale Yoga ist der höchste Yoga. Er enthält das Wissen um das Verlassen der Welt, die Erkenntnis des SELBST und um die Rückkehr.

Könnte man das so formulieren, dass das profuse Ausgießen, wie Du das genannt hast, dann übergeht in die Vermittlung durch strukturierte Lehrformen?

OM Die reine Advaita-Lehre ist eine absolut radikale, anarchische Lehre, die jede Strukturierung einer Lehre, jede Konzeptlehre beendet. Eine Lehre, die alles zerstört, was zu zerstören ist, bis nichts mehr übrig bleibt, außer DEM. Advaita-Vedanta ist keine Lehre – es ist das Ende der Lehre; das Ende des Wissens. Eine Nicht-Lehre. Das die Nicht-Lehre allerdings nicht das Gegenteil von Lehre ist, das ist dem Unwissenden genauso wenig deutlich, wie die Tatsache, dass die advaitsche Lehre keine reine Seins-Lehre sein kann, sondern nur eine SEINS-Lehre, in der Sein und Werden sich vereinigen. Die Vermittlung der gesamten Weisheitslehre, der philosophia perennis, enthält beides: Strukturierte Lehrformen und vollständige Auflösung der Strukturen, Lehre und Nicht-Lehre, die absolute Wahrheit und relative Wahrheiten über kosmische Gesetze, die absolute Liebe und menschliche Liebe.

Interview mit OM C. Parkin, erschienen in der connection (gekürzte Form), 2014.
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