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Ein Experiment - 5 Jahre Gemeinschaft auf Gut Saunstorf – Ort der Stille

ChristelChristel Westermeier ist Seminarleiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie und arbeitet für die Heilpraxis Gut Saunstorf. Außerdem ist sie für den Buchladen im Gutshaus und für den Buchverkauf bei advaitaMedia zuständig. Sie erlebte die Entwicklung der Gemeinschaft in den letzten Jahren mit allen Höhen und Tiefen und berichtet hier davon.

Als im Jahre 2010 ein Dutzend Menschen von Hamburg nach Saunstorf umzogen, kamen sie in ein noch unfertiges Haus, in dem an allen Ecken noch gebaut, gestrichen und geschraubt wurde. Es war wahre Pionierarbeit, die da gefordert war und ich, die erst einige Monate später kam, höre von Computern, die gegen Baustaub geschützt werden mussten, Sitzungen auf der Wildwiese hinterm Haus und riesigen Wasserlachen vorm Haus. Es gab Arbeit ohne Ende und die Herausforderungen waren groß: Finanzen, das sich Einarbeiten in völlig neue Arbeitsfelder und vor allem die Zusammenarbeit und Kommunikation untereinander in solch intensiver und unsicherer Situation.

Wenn ich jetzt über das Gutshausgelände gehe, sehe ich einen üppigen, wohlgepflegten Gutshausgarten, die Einfriedung ist weit fortgeschritten, es sind neue Wege entstanden, ein großes Gewächshaus steht und es gibt weitere Projekte im Entstehen oder in Planung. Inzwischen strahlen die ehemalige Ruine und die äußere Wildnis Klarheit, Schönheit und Stille aus. Im Dorf selber sind nach und nach Häuser gebaut worden von Schülern, die hierhergezogen sind und die Wohnraum, der hier rar ist, geschaffen haben für sich selbst und ihre Weggefährten. Ca. 25 Sangha-Mitglieder leben inzwischen in Saunstorf aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. In den umliegenden Orten leben weitere Weggefährten.

Wie geht Gemeinschaft? Wie lebt sich das? Diese Fragen stellen wir uns immer wieder und sie wollen erforscht und lebendig erfahren werden.

Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass es etwas Verbindendes gibt und das ist hier der Innere Weg und die Verbundenheit mit dem Lehrer als Schüler. Bei aller Bereitschaft, gemeinsam etwas Neues zu entwickeln, diesen Ort zum Blühen zu bringen und miteinander zu wachsen, stießen natürlich, besonders in der Anfangszeit, die Schattenseiten und Leidenschaften der verschiedenen Geister heftig aufeinander: Machtkämpfe, Konkurrenzen, Neid und Eifersucht. Um Licht in diese Vorgänge, die ja immer leidvoll sind, zu bringen wurden die regelmäßig stattfindenden Abende Innerer Arbeit eingeführt. Das, was in der Mysterienschule gelernt wurde und wird, kann nun im praktischen Alltag umgesetzt d.h. gelebt werden. Auch die regelmäßigen Sangha-Treffen dienen dem Teilen und Erforschen sowohl individueller innerer als auch äußerer Prozesse, die das Gesamte betreffen.

Ein großes Thema zieht sich von Anfang an durch die Gemeinschaft, welches die Mitglieder unterschiedlich stark herausfordert: die Notwendigkeit, sich einzugliedern stößt auf den Eigenwillen, der spricht: "Ich mach mein Ding, ich weiß, was richtig ist." Sich eingliedern bedeutet, zu erkennen und zu akzeptieren, wo ich in der Hierarchie stehe. Wo braucht es meinen Gehorsam und wo bin ich als Autorität herausgefordert? Bin ich bereit, volle Verantwortung für meine Aufgaben zu übernehmen und meinen Platz ganz einzunehmen?

Nach und nach entstanden weitere verbindende Gemeinschaftsaktivitäten wie Singen im Chor, Philosophische Abende, Gurdjieff-Tänze, Yoga u.a.

Nur einige wenige Menschen haben in dieser Zeit den Ort wieder verlassen, dafür kommen immer mehr hinzu. Manche um ganz zu bleiben, andere für eine Zeit des KarmaYoga.

Auch der Tod ist nicht "draußen" geblieben, zwei Sangha-Mitglieder sind schon hier gestorben, man könnte sagen: mitten unter uns und das wird als große Bereicherung erlebt.

Für mich ist sichtbar und fühlbar ein Reifungsprozess geschehen, den es nun gilt nach Außen strahlen zu lassen.

Ja, und nicht vergessen möchte ich die Kinder, die hier manchmal über das Gelände flitzen. Sie wachsen zu sehen ist eine große Freude.

Christel Westermeier, 2015
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