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Eine Einladung zu Ehrlichkeit und Interesse an mir selbst

Auf den Spuren eines Geistes – Trilogie zum Enneagramm

Ulrike Porep ist Lehrerin der Inneren Schule, Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin. Sie begleitet seit vielen Jahren Menschen auf dem inneren Weg. Wir schätzen ihre Arbeit auch hier in der Gemeinschaft des modernen Klosters sehr. Sie lädt uns unermüdlich ein, ehrlich zu uns selbst zu sein und erinnert uns an unser Interesse, es wirklich wissen zu wollen. Ihre Spontaneität und Authentizität gibt das folgende Gespräch gut wieder!


Katrin: Ulrike, du leitest Ende Mai ein Treffen der Inneren Schule mit dem Titel „Auf den Spuren eines Geistes“ zum Thema Angst. Wie kann ich mir die Arbeit in diesen Tagen vorstellen? Mit welchen Mitteln kommen wir in der Inneren Arbeit dem Geist auf die Spur und wie kann ich mich dem Thema Angst nähern?

Ulrike: Das einzige Mittel, das wir wirklich haben, ist Ehrlichkeit. Sind wir bereit, ehrlich zu sein mit dem, was in uns vor sich geht? Mit allen Wünschen, mit allen Befürchtungen, mit allen Erwartungen, mit allen Widerständen, mit allem, was so in uns abläuft? Sind wir dazu bereit?

In diesem Treffen geht es ganz stark um das Thema Befürchtung. Wenn wir in Befürchtungen leben, machen wir uns selber Angst. Und dann glauben wir, es ginge um irgendeine äußere Bedrohung, dabei sind wir selber diejenigen, die sich erst Angst machen und dann versuchen, die selbsterzeugte Angst einzudämmen. Ist doch komisch, oder? Die Grundangst – und die ist ganz natürlich und intelligent -  beruht auf der  Wahrnehmung, dass sich alles ständig verändert und dass wir überhaupt gar nichts vorhersagen können. Wir können bestimmte Hypothesen aufstellen, es gibt bestimmte Wahrscheinlichkeiten, aber eigentlich können wir überhaupt nicht wissen, was im nächsten Moment geschieht, und das erscheint unerträglich. Ein natürliches Wesen jedoch würde sich diesem Leben mit einem offenen, zitternden Herzen öffnen.

In dem offenen Herzen gibt es etwas, was wir verloren zu haben scheinen, und das ist das Vertrauen. Das Vertrauen haben wir verloren in einem Moment, wo etwas sehr Überraschendes und Erschreckendes geschah, das wir nicht wieder erfahren wollen. Wir wollen nicht nochmal überrascht und erschreckt werden. Also erschaffen wir uns eine Sicherheit. Und die Sicherheit kann man sich ja eigentlich nicht erschaffen, weil das Leben eben nicht sicher ist. Wir finden dann Sicherheit in unseren  Befürchtungen. Überall sehen wir schon etwas, was passieren KÖNNTE und was wir nicht haben MÖCHTEN. Und auf Grund dieser Befürchtungen, die ja alle eigentlich auf einer Vorstellung beruhen, reagieren wir mit einer gewissen Haltung der Abwehr, der Vermeidung. So sind wir nicht mehr offen, sondern wir gehen misstrauisch durchs Leben und wissen schon im Voraus was passieren KÖNNTE, was ja auch die Wahrheit ist. Es kann alles passieren, und da wir bestimmte Dinge eben nicht WOLLEN, dass sie passieren, bauen wir vor, zum Beispiel indem wir Abstand nehmen, uns distanzieren, ins Denken gehen, überlegen, irgendwelche verkrampften Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und somit mit einer gewissen Feindseligkeit durchs Leben laufen und glauben, das Leben sei eben bedrohlich. „Ich glaube, dass Du mein Feind bist. Du hast ja nur vor, mich hier irgendwie bloßzustellen und lächerlich zu machen.“ Das nennen wir wieder das innere Kind. Das ist vielleicht einmal geschehen in deinem Leben, sowas geschieht ja. Als Kinder erfahren wir solche Momente. Das fühlt sich für das Kind unangenehm an und daraus macht das Kind: „Also versteck ich mich.“

Dann sitzen wir in unserem Versteck, fühlen uns vielleicht relativ sicher, aber irgendwann wird es eng, die Angst verschwindet  ja auch nicht wirklich. Wir bleiben mit den Befürchtungen jetzt in dieser kleinen engen Welt und irgendwann geschieht auch etwas, was wir trotz unserer Sicherheitsmaßnahmen nicht verhindern können: Es kommt eine Ameise in unsere Höhle oder eine kleine Maus. Dann machen wir ein Riesen-Geschrei und wissen nicht, was wir jetzt tun sollen. Rauslaufen ist schrecklich, Drinbleiben ist auch schrecklich, also eigentlich sind wir jetzt geliefert. So, dann kommt die frohe Botschaft plötzlich doch auch unter der Tür durchgeschoben: Es gibt einen Weg des Erwachens! Wenn du erwachst, bist Du glücklich. Ah gut! Also komm ich aus meiner Höhle, nehme alle meine Befürchtungen mit, mein Misstrauen, meine kindlichen Geschichten. Ganz vorsichtig komme ich raus und dann ist die Frage: Was will ich jetzt? Suche ich jetzt irgendwo auf einer höheren Ebene Sicherheit, z.B.in einer Vorstellung von Erleuchtung, oder bin ich bereit, mal meinem kindlichen Geist auf die Spur zu kommen?                                                            

Das ist der Weg. Dazu benutzen wir bestimmte Methoden. Das nennen wir dann Forschung, Selbsterforschung  und darin entdecken wir unseren kindlichen Angstgeist, unser Festhalten an bestimmten Befürchtungen, Vermeidungen, Sicherheitskonzepten, usw. Ob wir das Vertrauen aufbringen, dass es so, wie es ist, und so, wie es geschieht, gut ist? Erwachen können wir nur, wenn wir alte Konzepte aus der Kindheit loslassen, wenn diese sterben dürfen. Dieser Prozess muss nicht unbedingt angenehm sein, aber es ist immer wieder erleichternd zu sehen, dass nicht das Leben uns bedroht, sondern dass wir selbst, dass es unsere eigenen Gedanken sind. Wir müssen uns daran nicht festhalten, wir dürfen wieder zurückkehren in das Vertrauen.

Darf das alles gesehen werden?  Dürfen wir all diese inneren Konstrukte sehen, mit denen wir uns gegen das Leben gestellt haben oder wollen wir auch das wieder verstecken, weil man ja nie weiß, was geschieht, wenn wir uns vollständig zeigen mit unseren inneren Befürchtungen und Verdächtigungen. Wie weit können wir uns öffnen? Wie weit vertrauen wir so einer Lernmöglichkeit und diesem Lehrer, der uns etwas zeigen möchte? Zunächst ist das Vertrauen begrenzt. Damit müssen wir rechnen. Das macht auch nichts, aber die Frage ist: Gibt es ein grundsätzliches Forschungsinteresse? Einen Wunsch wirklich herauszufinden, wie wir uns selber Leiden zufügen? Wie weit wir in so einer Gruppe miteinander kommen, das hängt von der Bereitschaft ab, sich einzulassen, von den Grenzen des Vertrauens, von den Sicherheitsmaßnahmen, die wir vielleicht noch nicht gehen lassen wollen. Aber es ist möglich, das alles einfach zu sehen, so gut es eben geht.  Es gibt kein Ziel im Sinne von „da muss man hin und das kann man schaffen“, aber es gibt das Angebot, alles zu sehen, und damit die Möglichkeit der Lösung von diesen geistigen Strukturen, die uns behindern und ständig neue Angst erzeugen.

Katrin: Also, es ist total verrückt. Du hast alles gesagt, was ich dich fragen wollte, und ich fühle mich sehr eingeladen.

Ulrike: Ja. Fühl dich eingeladen, einfach zu sehen, ehrlich zu sein mit dir selbst und bring einen bestimmten Vertrauensvorschuss mit, dass dies hier ein Ort ist, der dir helfen kann, Wahrheit zu erkennen und Frieden zu finden in dir selbst.

Katrin: Danke, Ulrike!

Klosterbrief Februar 2017
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