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Wagnis Innere Wissenschaft

Ergebnisse einer Konferenz auf Gut Saunstorf

Vom 23.-25. September 2016 fand eine Konferenz der Stiftung Gut Saunstorf - Ort der Stille im Großen Saal des Gutshauses statt.

p-michaelgleich.jpgEin spiritueller Meister, ein Kapuzinermönch und ein Homoöpath gingen mit den Teilnehmern und der Frage: Was ist Innere Wissenschaft? auf eine innere Forschungsreise. Michael Gleich, Journalist, Buchautor und Schüler von OM C. Parkin schreibt hier über diese wesentlichen Tage:   

Ausgangspunkt der Konferenz Ende September auf Gut Saunstorf war die Frage: Was ist Innere Wissenschaft? Drei Referenten gaben darauf Antworten auf unterschiedlichen Ebenen. Der Kapuzinerpater Guido Kreppold stellte die Methoden der Traum-Arbeit als Zugang zur Seele vor. Ravi Roy, ein bekannter indischer Homöopath und Buchautor, führte in das System der sieben Miasmen ein; jedes Miasma kann man verstehen als eine Art der Abwendung von Gott. Die beiden Referenten leiteten in Workshops auch Übungen und Reflexionen an. Der spirituelle Meister OM C. Parkin legte in seinem Vortrag dar, welchen Gesetzen Innere Wissenschaft folgt, auch im Gegensatz zur Naturwissenschaft. Ein Teilnehmer, selbst Naturwissenschaftler, fasst seine Lernreise an dem Wochenende zusammen: „Der Begriff Wissenschaft saß vorher immer noch rational, abgekühlt in meinem Mentalen fest. Doch die Konferenz hinterließ in mir eine belebte Freude. Innere Wissenschaft ist herzlich und immer wieder neu.“

Pater Kreppold sieht Träume als „Briefe der Seele“, die wir lesen lernen können. Eine Methode bestehe darin, jedes Objekt des Traumes als Teil der eigenen Innenwelt zu deuten. Wichtig sei auch die Bewusstheit, welche Gefühle dabei auftauchen und intensiv wirken. Im Traum gebe das Unbewusste Botschaften frei. „Nachts arbeitet die Seele“ führte Kreppold aus, „und unsere Träume sind Blicke in ihre Werkstatt.“ Im Vortrag und beim Workshop wurde deutlich spürbar, dass Kreppold auch selbst über Jahrzehnte in Therapien nach C.G. Jung seine Träume erforscht hat. Eine Teilnehmerin drückte es so aus: „Was mich an Pater Guido Kreppold im Herzen berührte, war seine authentische und herzliche Art, und dass alles was er vermittelte, auf eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen beruhte.“ 

Kreppold sieht bewusst wahrgenommene Träume als Chance, um sich dem Inneren zuzuwenden und sich selbst zugänglich zu werden, „in bedingungsloser positiver Wertschätzung“. Für ihn ist diese Form der Selbsterforschung Innere Wissenschaft.

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Einen anderen Zugang verfolgt Ravi Roy in der Tradition des Homöopathen Samuel Hahnemann (1755-1843). Bei der Konferenz zeigte er in einer Mischung aus Vortrag und lebhafter Bühnenperformance, wie verschiedene Persönlichkeitstypen durch die Abwendung vom Innersten „krank“ werden. Das Miasma Psora beispielsweise sei ein Ausdruck von Ungehorsam, der Weigerung zu tun, was das Leben in diesem Moment erfordert. Nach Roy könne Heilung geschehen in der Bereitschaft, „Gott zu geben, was er von dir verlangt“. Es gehe darum, den Widerstand gegenüber dem Höchsten aufzugeben und einzukehren zum „Dein Wille geschehe“. Heil sei ein Lebewesen, wenn es kosmische Gesetze achte und sie in Liebe zum Schöpfer dieses Kosmos ausführe. „Aus diesem Grund kann wirkliche Heilkunst nichts anderes als innere Wissenschaft sein.“

OM C. Parkin sieht die Innere Wissenschaft angesiedelt in einer Art „Niemandsland zwischen dominanter Naturwissenschaft und regressiver Spiritualität“. Auf der einen Seite reduziere die Naturwissenschaft alles Forschen und Erkennen auf die materielle, sinnlich erfahrbare und messbare Welt. Auf der anderen Seite gebe es die Tendenz in spirituellen Subkulturen zu prä-rationalen, magischen und mythischen Denkformen und sich dem Aufstieg ins Rationale und darüber hinaus ins Transrationale zu verweigern. Innere Wissenschaft müsse sich in der Öffentlichkeit, aber auch im Bewusstsein vieler spirituell Suchender ihren Platz erst noch erobern. Die Tatsache, dass sich für die Konferenz nur 30 Personen angemeldet hatten, sieht OM als Hinweis, als einen Beleg dafür: Nicht einmal seinen eigenen Schülern sei die hohe Relevanz Innerer Wissenschaft bereits voll bewusst.

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Eine Herausforderung besteht darin, dass sich der innere Wissenschaftler auf seiner Erkenntnisreise verwandelt – wenn er dazu bereit ist. „Die Reife eines Schülers erkennt man an seiner Bereitschaft, innere Transformation zuzulassen,“ sagte OM C. Parkin. Dieser Prozess führe sowohl zu mehr Tiefe als auch zu mehr Höhe, bedeute Verlernen alter Glaubenssätze, löse das Ich auf. Und das kann im Suchenden große Angst auslösen.

OM beschrieb vier Ebenen spiritueller Wissensentfaltung. Auf einer oberflächlichen Ebene herrschen Überzeugungen vor: mentale, vom Fühlen entkoppelte Konstrukte des Geistes. Auf einer tieferen Stufe rangiert der Glaube, beruhend auf bewusster Rückbindung zum Herzen und zu wahrer Leidenschaft. Unmittelbare Erfahrung, die dritte Ebene, besteht aus der integralen Wahrnehmung des Augenblicks, alle Gehirne des Menschen einbeziehend: Instinkt, Intuition und Intellekt. Die höchste Form bezeichnet er als Erkenntnis: Sie kann, anders als die Erfahrung, nicht wieder verloren gehen. Sie entspringt einer inneren Transformation, die mit dem Durchschreiten von Todesmomenten einhergeht.

OM zitierte dazu den christlichen Mystiker Angelus Silesius: „Stirb bevor du stirbst, oder du verdirbst, bevor du stirbst.“ Eine Teilnehmerin sagte dazu in ihrem Erfahrungsbericht: „Das Wesentlichste ist für mich die Erinnerung, dass ich als Forscherin der inneren Wissenschaft, als Schülerin auf dem inneren Weg nicht am Tod vorbeikomme, wenn ich wirklich die letzte, die ewige Erkenntnis erlangen will.“

So gelangt man zu der paradoxen Aussage, dass es letztlich um eine „Wissenschaft ohne Wissenschaftler“ geht: um ein Beobachten, Gewahren und Forschen ohne Identifikation mit einem persönlichen Ich.

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In dem Podiumsgespräch, das die Konferenz abrundete, wurde ein Ringen um ein gemeinsames Verständnis von Innerer Wissenschaft deutlich. Aber es zeigte sich auch sehr klar, vor allem durch eine emotional aufgeladene Replik von Ravi Roy auf eine Darstellung von OM, dass die Begrenzung von Erkenntnis nicht in der Wissenschaft liegt. Sie gründet im Ich-Geist des Wissenschaftlers, der glaubt, alte Überzeugungen verteidigen zu müssen, statt sich auf die Erfahrung des Neuen einzulassen. Eine Teilnehmerin wies darauf hin, „wie gewalttätig ein Ich werden kann, welches auf seine, selbst nicht wahrgenommene Begrenzung hingewiesen wird.“

In seinen Schlussworten berührte Pater Guido Kreppold viele der Anwesenden, indem er sagte, auf ein Grimm´sches Märchen anspielend: „Wir suchen alle das Wasser des Lebens. Hier auf Gut Saunstorf können wir es finden.“

Artikel von Michael Gleich, Oktober 2016
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