Mediathek filtern nach

/

Was ist Erwachen?

Dieses Interview befasst sich mit dem Thema des spirituellen Erwachens und verdeutlicht, dass Erwachen nicht gleich Erwachen ist, sondern dass es Stufen des unvollständigen Erwachens gibt, die von einer finalen Realisation des SELBST zu unterscheiden sind. Es behandelt auch das Paradoxon des Erwachens als Reifungsprozess in der Zeit und als einen zeitlosen Moment. Und es beschäftigt sich mit einer Falle auf diesem Weg: dem Ich-Geist, der sich Erwachenserfahrungen aneignet, sie zu seiner Erfahrung macht im Sinne eines naiven „Ich hab’s“.

Wir veröffentlichen hier den Auszug eines Gespräches von Schülern mit OM C. Parkin zum Thema „Was ist Erwachen“.  Die ungekürzte Version (ca. viermal so lang) können Sie auf www.spirituelle-buchhandlung.de zum downloaden erwerben. Eine gedruckte Version erscheint demnächst im Buchhandel.


Was ist Erwachen?

Dialoge mit OM C. Parkin

p-om_c_parkin.jpg

OM, wir möchten mit Dir über das Thema sprechen: Was ist Erwachen? Dazu möchten wir mit einem Zitat von Dir beginnen: „Das was der Mensch wirklich sucht, nenne es Erleuchtung, Vollkommenheit, Glückseligkeit oder Befreiung, ist in diesem Moment verfügbar und ich kann nicht sagen, wie es geschieht. Ich kann nur sagen, dass es für dich möglich ist, dass es keine höhere Macht gibt, keinen Gott gibt, der es dir verwehrt. Wenn es ein Hindernis gibt, dann ist es in dir selbst.“

Du arbeitest nun seit 30 Jahren mit Menschen, mit spirituell Suchenden. Was sind Deiner Erfahrung nach die Hindernisse in den Menschen für das Erwachen?

OM     Fehlendes Interesse.

Heißt das, sie behaupten, ein Interesse an Erwachen zu haben, aber es ist letztlich nicht groß genug?

OM     Die Masse hat gar kein Interesse. Und von dem Kreis derer, die sich spirituell Suchende nennen, haben die meisten zunächst ein zu geringes Interesse, so dass das innere Feuer erst geweckt werden muss.

Es gibt ja einen Grund, warum sich ein Suchender auf die Suche macht. Oft hört man, um das Leiden zu beenden. Siehst du das zunächst als einen guten Grund an und als einen Ausdruck von Interesse?

OM     Was es heißt, Leiden zu beenden, darunter versteht das Ich etwas gänzlich anderes als die Weisheitslehre. Man kann von einem Menschen, der sich auf die Suche macht, zunächst nicht erwarten, dass er augenblicklich und umfänglich ein Verständnis davon gewinnt, was es heißt, Leiden zu beenden. Es bedeutet nicht, jene Zustände zu befrieden, an denen sich, wie das Ich glaubt, das Unglück festmacht. Leiden zu beenden im Sinne der inneren Lehren bedeutet, umfassend die Identität des Ich-Geistes aufzugeben und aus einer persönlichen Identität in ein unpersönliches Sein zu wechseln, das nicht endet. Wir verstehen unter Leiden zunächst – was ja auch nachvollziehbar ist – Zustände, die wir negativ bewerten. Das sind Zustände, die auf ganz direkte Weise ein, wenn auch begrenztes, Leidensbewusstsein verursachen. Nehmen wir sogenannte negative Emotionen, nehmen wir rigide, zwanghafte Gedankenstrukturen, die sich wiederholen, nehmen wir einen Cocktail aus beiden namens „Depression“. Das sind Zustände, die ein ganz normaler Mensch als leidvoll empfindet. Es ist jedoch aus der Perspektive der inneren Lehre keineswegs so, dass Leiden, oder die eigentlichen Leidensverursacher im Menschen leidvoll in Erscheinung treten müssen. Ganz im Gegenteil. Viel wesentlicher auf dem Erkenntnisweg sind jene Zustände, die leidensverursachend sind, aber als Glückserfahrung wahrgenommen werden.

In der Weisheitslehre hat Leiden eine viel umfassendere Dimension: Der Ich-Zustand an sich, d.h. die Identifikation mit dem denkenden Geist und seinen Welten, ist Leiden. Jeglicher Ich-Zustand, ganz gleich, ob er als lustvoll und befriedigend erlebt wird, oder als schmerzhaft und unerfüllend, ist Leiden. Es ist offensichtlich jene Instanz, die all diese Zustände zusammenhält, welche die eigentliche Verantwortung für Leiden trägt. Und nicht das, was sie erschafft. Die entscheidende Frage lautet also Wer? Und nicht Was?

Könnte man aus dieser Perspektive sagen, dass das, was der Anfänger des Weges unter Leiden versteht und loswerden will, sich als eines der Hindernisse auf dem Weg entpuppt? Bestimmte Emotionen, negative Gefühle nicht mehr haben zu wollen. Oder etwas ausgrenzen zu wollen?

OM     Schritte, die eben noch heilsam waren für einen fortschreitenden Menschen des Weges, können sich zu einem späteren Zeitpunkt in Gift verwandeln. Es kann aber auch umgekehrt sein. Ich verwende hier manchmal das Bild der Gehhilfen oder Krücken. Diese Gehhilfen waren vielleicht in einer Phase deines Weges von unterstützender Natur, aber wenn jemand gehen kann oder sogar bereits die Qualitäten eines Marathonläufers entwickelt hat, will er – um bei dem Bild zu bleiben – keine Krücken mehr mit sich herumschleppen.

In mir ist eine Frage aufgetaucht, die sich aus einem Ausspruch von Dir ergibt: „Erwachen ist nicht gleich Erwachen“. Und die Frage ist: Was ist der Unterschied zwischen einer Erwachenserfahrung oder Erwachenserfahrungen und vollständigem Erwachen?

OM     Erwachenserfahrungen sind erstens vorübergehender Natur, und zweitens dadurch gekennzeichnet, dass die vollständige Durchdringung des denkenden Geistes nicht geschehen ist.

Ich würde gern noch mal weiterfragen zu der Feststellung „Erwachen ist nicht gleich Erwachen“. Gibt es denn verschiedene Formen des Erwachens?

OM     Nein, es gibt unendlich viele Formen von Erwachenserfahrungen.

Eben. Das heißt also, Erwachen gibt es doch eigentlich nur als vollständige Realisation?

OM     Die Aussage „Erwachen ist nicht gleich Erwachen“ bedeutet eigentlich, dass viele Menschen, die Erwachenserfahrungen gemacht haben oder machen, diese mit vollständigem Erwachen verwechseln. Nach meiner Erfahrung sogar die meisten. Und solange die Erwachenserfahrung präsent ist, kann sie Grenzenlosigkeit, vollständige Grenzenlosigkeit, auch vortäuschen. Die Grenzen werden möglicherweise erst zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgezeigt, nämlich dann, wenn diese Erwachenserfahrung an Grenzen stößt, das bedeutet, an Grenzen des Verständnisses eines Ich-Geistes, der ja angeblich nicht mehr vorhanden war.

Das heißt, sie merken selber gar nicht, dass sie es überhaupt noch mit dem Geist  zu tun haben?

OM     Der Geist ist ein hochgradig subtiles Geschöpf, und wir wissen aus Erfahrung, dass der Geist – das habe ich häufig auch in Indien bei Papaji beobachten können, nicht bei Papaji selbst, aber bei Schülern vor Ort, dass der Geist sich vorübergehend scheinbar vollständig auflösen kann und dann doch als Identifikation subtil zurückkehrt, zunächst ohne Kenntnis desjenigen.

Das heißt, er hat sich vor seinem Erwachen eigentlich nicht genügend mit dem Geist beschäftigt, mit der Frage: Was ist der Geist? Kann man das sagen?

OM     Es gibt eine unzureichende Kenntnis des inneren Gegners, ja.

Nehmen wir das Beispiel, wie ich das auch in anderen Zusammenhängen mit Schülern erlebt habe. Ich nannte es den „Einbruch in die Liebe“, die wie ein bedingungsloser Strom einer bedingungslosen Hingabe wirkt. Und dann tauchen, scheinbar aus dem Nichts, moralisch geprägte Urteile auf, die „wahr“ sind. Wie kann denn überhaupt das ganze Konzept von Moral, genauso wie das Konzept von Unmoral, in einem geistig leeren Raum existieren? Ist das nicht eine berechtigte Frage?

Das ist sicherlich eine berechtigte Frage.

OM     Identifizierte Wertesysteme – und zu denen zählt auch die Moral – gehören zu der Welt der unaufgestiegenen Gedanken, d.h. sie sind zunächst nicht als Gedanken zu bezeugen. Erwachenserfahrungen durchdringen diese persönlichen Ideenwelten nicht vollständig. Sie lösen sie nur vorübergehend auf. Erwachenserfahrungen sind keineswegs das Ende des Egos. Sie sind nicht einmal notwendigerweise eine Schwächung des Egos, sie können sogar verborgene Schatten verschleiern und Überhöhung und Selbsttäuschung zur Folge haben.

2014 erschien von Dir ein Text  „Verfrühte Ansprüche auf Erleuchtung“, in dem Du genau diese Verwechslung vielen „Satsang-Lehrern“ attestiert hast. Es ging damals um eine Veranstaltung in Berlin, das sog. „Forum Erleuchtung“. Das sei kein „Erwachten-Forum“, sondern allenfalls ein „Erwachenden-Forum“. Du sprachst von einem „Etikettenschwindel“. Aus diesem Umfeld hattest Du eine Frau nach Gut Saunstorf in die Sangha eingeladen, um dort ihre Erwachenserfahrung zu teilen. Das war soweit in Ordnung und stimmig. Als ich dann später ihren Schriftwechsel mit Dir las, war ich ziemlich erschüttert über ihren Realitätsverlust. Sie wusste gar nicht, wo sie wirklich stand. Was mir da entgegenkam, waren Arroganz und Überhöhung. Ich erinnere mich noch an diesen Satz von ihr: Mit dem Thema Macht hätte sie nie etwas zu tun gehabt…

OM     Überhöhung bedeutet nur, dass jemand nicht da steht, wo er zu stehen glaubt. Überhöhung ist nicht realisierter Geist. Sie hatte gar nicht verstanden, was ich ihr gesagt habe. Das ist in einem Zustand der Überhöhung auch nicht möglich. Wenn Überhöhung auch noch unter dem Deckmantel der Liebe in Erscheinung tritt, dann geschieht Täuschung und Missbrauch, der von demjenigen selbst genauso wenig erkannt wird, wie von den meisten Schülern.

Ich sah sie dann auf einer Ankündigung für eine Podiumsdiskussion eines großen esoterischen Kongresses zum Thema: „Gibt es Missbrauch auf dem spirituellen Weg?“

OM     „Den Bock zum Gärtner machen“ heißt es dazu im Volksmund. Die Wahrheit zu finden, ist allein in den gebrauchten Worten häufig nicht möglich. Es braucht dann eine persönliche Begegnung, ein Dharma-Gespräch. Es erlaubt und erleichtert, auch zwischen den Worten lesen zu können. Ich mache jedoch immer wieder dieselbe Erfahrung: Menschen, die sich den Begrenzungen ihres Urteilsvermögens nicht bewusst sind, kommen zu ihren (Vor-)Urteilen in der Ferne, nie in der Nähe. Deshalb kommen sie dann nicht zu mir, vermeiden die direkte Begegnung und fragen nicht. Denn sie haben Angst vor Aufdeckung.

Ist das nicht eine berechtigte Angst des Egos?

OM     Nein, Demut hat keine Angst vor Aufdeckung.

Das Bewusstsein über Begrenzungen scheint ja eine entscheidende Rolle zu spielen, wenn es um die weitere Vertiefung von Erwachenserfahrungen geht.

OM     Das ist eine Dialektik des Weges. Nur das Bewusstsein über Begrenzungen kann in die Unbegrenztheit führen.

Wenn das Bild bemüht wird, der Verstand, oder der Geist sei ins Herz gefallen, abgeleitet von einer Aussage von Ramana Maharshi, dann gibt es offenbar die Möglichkeit, dass der angeblich ins Herz gefallene Geist sehr wohl weiter wirkt, aber im Zuge einer Selbsthypnose nicht wahrgenommen wird.

OM     Was meinst du, wie oft ich den Satz höre: „Ich folge meinem Herzen“, während ich etwas ganz anderes sehe. Also zunächst einmal ist die Frage, was mit Herz eigentlich gemeint ist. In dem Lehrbuch Intelligenz des Erwachens gibt es ausführliche Erläuterungen zur grundlegenden Verwechslung vieler spiritueller Menschen zwischen dem Herz und dem Herzzentrum. Das Herzzentrum ist nicht das Herz des Menschen. Wenn ich jemanden bitte: Lege deine Hand aufs Herz, dann wird er natürlich die Hand hier hinlegen [zeigt auf das Herzzentrum], wo soll er sie auch sonst hinlegen, er kann sie ja nicht an einen Nicht-Ort legen. Die Weisheitslehren meinen mit dem Herzen nicht das Herzzentrum, und vielleicht erinnerst du dich sogar an meine Autobiografie Die Geburt des Löwen. Dort beschreibe ich so einen Moment der Verschiebung der Aufmerksamkeit, bei Castaneda eine „Verschiebung des Montagepunktes“. Ein gewöhnlicher Mensch unterliegt unwissentlich dem Eindruck, das Zentrum seiner Aufmerksamkeit sei im Kopf lokalisiert. Das Wahrnehmende ist im Kopf und außerhalb des Wahrnehmenden sind die Objekte der Wahrnehmung. Das ist eine klassisch dualistische Perspektive. Und es gibt da einen Moment in der Autobiographie, wo ich beschreibe, wie der Ort, von dem aus scheinbar wahrgenommen wird, „vom Kopf ins Herz“ fällt. Das ist eine sehr viel direktere Form der Wahrnehmung, welche Dualität schmelzen lässt, sie aber nicht gänzlich auflöst, auch wenn es in dem Moment so aussieht. Also wenn das Wahrnehmende ins Herzzentrum fällt und die Welt von hier aus wahrgenommen wird, dann ist das eine teilweise Absorption des denkenden Geistes, der die Welt durch Projektion wahrnimmt, und es stellt sich ein vorübergehender Einheitszustand ein. Das kann auch im Zustand der Verliebtheit geschehen: Alles ist Liebe und die ganze Welt ist darin enthalten, es ist ein Einheitszustand. Aber Advaita ist keine Einheitslehre. Das Herz des Menschen, von dem die Weisheitslehren lehren, ist weder im grobstofflichen, noch im feinstofflichen Körper des Menschen zu finden. Der Fall ins Herzzentrum kann ein Weg ins Herz sein. Er kann aber auch zu einer erneuten Landung führen.

Interview mit OM C. Parkin, März 2016

drucken nach oben