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Erleuchtungsstreben oder innerer Frieden

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Artikel von OM C. Parkin, zusammengestellt von Ulla Schwab

Erleuchtung ist das Wesentlichste in dieser Inkarnation, wird aber von den Menschen nicht erkannt, weil sie von Unwesentlichem absorbiert sind.*

Die Weisheitslehren aller Zeiten und in allen Weltgegenden sprechen davon, dass nahezu alle Menschen, ganz wenige ausgenommen, ihr Leben im Schlaf verbringen. Ihr Bewusstsein ist verschattet und verblendet durch zwei unterschiedliche Ebenen des Schlafes: die Verdunkelung im absteigenden involutiven Bogen und die Verblendung im aufsteigenden evolutiven Bogen. Verdunkelung ist der passive, Verblendung der aktive Teil des Schlafes.

In der Verdunkelung geschieht ein unbewusster Abstieg des Geistes in die Materie, in das Grobstoffliche, in die Physis, und damit in Veräußerlichung, Betäubung, Abstumpfung, Vergröberung der gesamten Wahrnehmung. Verblendung auf dem unbewussten aufsteigenden Bogen dagegen strebt ins Geistige. Verblendung wird im Wesentlichen durch aktive Selbsttäuschung geprägt, die den Eindruck von Aufgewecktsein und (veräußerlichter) Wachsamkeit erwecken kann. Derjenige glaubt sich in der Realität zu befinden, vielleicht sogar Wahrheit zu denken oder zu sprechen, während er in Wirklichkeit an Formen der Selbsttäuschung leidet, die durch eigene Ideen, wie z.B. Selbstbilder, verursacht werden.

Die wahrgenommene Welt eines Menschen, inklusive der Sinneswahrnehmungen, ist eine Form der geistigen Täuschung, weil alles von jenem Geist, der eben diese Täuschungen verursacht, wie durch einen feinen Schleier überlagert ist. Der Mensch sieht also nicht die Dinge, wie sie sind, sondern er sieht seine eigene Vorstellung der Dinge, die das So-Sein der Dinge nicht nur verzerrt, sondern grundlegend überlagert. Er sieht nicht das, was ist. Der Schlaf ist die Selbstvergessenheit des Menschen. Dabei hat der Mensch auch vergessen, dass er darunter leidet, dass er nicht weiß, wer er wirklich ist. Leiden ist die Unwissenheit, die dann zu Trennungen aller Art führt. In diesem Trennungsbewusstsein lebt der gewöhnliche schlafende Mensch.

Was braucht der Mensch für die Entwicklung seines Bewusstseins, was braucht es, um aufzuwachen? Der Mensch bedarf der Verfeinerung; durch den bewussten Aufstieg in Verfeinerung erhöht sich zunehmend die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Der materialistische Mensch ist kognitiv stark eingeschränkt, weil die abgestiegene Identifikation mit Materie Bewusstsein absorbiert. Ein Mensch benötigt einen inneren Zugang zu einem Notruf der Seele.

Es gibt innere Bedingungen der Wahrnehmungsfähigkeit in einem Menschen, die notwendig sind, damit dieser Notruf durchdringen kann, und es gibt weitere Bedingungen, um diesen Notruf in eine konsequente innere Praxis zu geleiten, welche den Kontakt mit dem „Seelenfünklein“ verstärkt, bis aus dem Fünklein ein Feuer und dann eine innere Glut wird. In bestimmten Momenten können die Menschen diesen Notruf leise hören, aber die Bedingungen sind nicht erfüllt, dieses leise Hören dann in eine konsequente, innere Praxis zu übersetzen. Es wird ge-hört und im nächsten Augenblick über-hört. Die inneren Ohren der Menschen sind durch die Aktivität des denkenden Geistes, durch Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die äußere Welt verstopft. Innen wird übersehen in der Ignoranz gegenüber dem Wesentlichen, mit folgenschweren Auswirkungen auf seine Seele.

Um in der Welt erfolgreich zu sein, um Liebe, Ruhm und Anerkennung einzuheimsen, um in der Welt Macht zu besitzen, braucht es keine innere Achtsamkeit und es braucht auch keine Seele. Im Gegenteil, sie stört, ja, sie ist lästig, sie ist hinderlich. (…) Bevor der Kontakt mit der Seele jenseits von Leiden geschieht, muss dieser Mensch zunächst all jene Schattenwelten durchdringen, die er selbst durch das Tun seiner Veräußerlichung hinterlassen hat. Die inneren Welten leben aber dennoch in ihm fort, und es entstehen – auf emotionaler Ebene – so etwas wie unterirdische Emotionsseen oder unterirdische Emotionsberge. Es ist ein unbewusster Vorgang in festgehaltener Zeit. So wurde aus einem ganz natürlichen Moment des Schmerzes, der bei Bewusstsein durchlebt keine Spuren hinterlässt, über Jahre oder Jahrzehnte ein See gebildet. Der gleiche Vorgang erzeugt auf mentaler Ebene die Bildung starrer, unbewusster Geistesstrukturen: starre Konzepte, Überzeugungen, Glaubenshaltungen, Ideologien mit Absolutheitsansprüchen, die sich jedem Wandel widersetzen, ohne belichtenden Prüfinstanzen ausgesetzt zu werden.

Dieser geistig-emotional verunreinigte Zustand eines Menschen, die geistige Verschmutzung durch seine Lügen und Selbstlügen sind ein Grundpfeiler eines Hindernisses, warum der Mensch nicht wach ist.

Diese Verunreinigung kann sich in einem Prozess der Läuterung auflösen. Dazu jedoch braucht es das Erreichen eines Zustandes innerer Aufrichtigkeit; ein unsauberer Geist ist in jedem Fall unaufrichtig. Wir müssen uns von angesammeltem geistigem Müll befreien. Dieser geistige Müll verstopft die Kanäle des großen Flusses bis in die unteren Gehirne, und das ist keineswegs metaphorisch gemeint, sondern real. Läuterung führt zu Lauterkeit, zum lauteren, reinen, sattvischen Geist. Ein entleertes Gefäß ist im Zustand der Empfangsbereitschaft, ein nicht entleertes ist es nicht. Bei der Läuterung und Entleerung ahnt das Ich, und sei es noch so verdunkelt, dass damit seine Realität maximal bedroht ist. Läuterung führt in den Tod des Ichs. Entleerung führt ins Nichts. Der Prozess des inneren Weges beschreibt eine stetige ‚Verkleinerung‛ des Ichs bei gleichzeitiger ‚Vergrößerung‛ des Bewusstseins.

Dazu braucht es den unbedingten Verzicht, den Verzicht auf alles Unwesentliche, auf alles überflüssige innere und äußere Tun. Verzicht ist ein unerlässliches Prinzip für einen Menschen, der zu seinem wahren Wesen gelangen möchte.

Grundsätzlich kann man ja fragen, ob das Erwachen des Menschen evolutionär überhaupt vorgesehen ist. In der Geschichte der Menschheit gab es immer nur einen verschwindend kleinen Teil, durch den vollständiges Erwachen geschehen ist. Es gibt allerdings eine sehr viel größere Zahl von Menschen, die Erwachenserfahrungen erleben, und die das Potenzial dafür haben. Aber selbst wenn vollständiges Erwachen nur für sehr, sehr wenige Menschen evolutionär vorgesehen ist, heißt das jedoch nicht, dass innerer Frieden für ernstzunehmende Suchende des Weges nicht vorgesehen ist. Selbst dann, wenn dieser innere Frieden immer noch relativer Natur ist, ändert das ja nichts daran, dass ein geläuterter Geist in einer ganz anderen Dimension von innerem Frieden lebt, als ein tamasischer Geist, ein verschmutzter Geist. Je mehr das System in innere Balance kommt, desto tiefer wird auch die subjektive Erfahrung inneren Friedens. Wir sehen es auch in den Lehren des Integralen Yoga: Die innere Praxis des In-Frieden-Kommens ist für jeden Anhänger des Weges von praktischer und großer Bedeutung.

Wie ist Frieden gleichwohl möglich, ohne zu erwachen? Der Schüler des Weges muss in der Lage sein, mit seinem Ist-Zustand vollkommen im Reinen zu sein, damit vollkommen in Frieden zu kommen. Warum ist er das nicht? Die Verblendung, in der er lebt, ist ein Teil seines sogenannten spirituellen Über-Ichs, und da dieses Über-Ich in Idealen lebt, hält er diese Ideale ganz einfach für Ziele des Weges – er begreift nicht, dass dies Illusionen seiner eigenen Welt sind. Es ist eine Verbesserungsideologie hin zu einem Makellosen, zu einem Wissenden. Der natürliche Werdeprozess hingegen ist ein Desillusionierungsprozess, ein geistiger Läuterungsprozess, der aber vom Über-Ich vorauseilend imitiert wird. Diese Ideale haben schwerwiegende Auswirkungen, sie hindern die Menschen daran, vollständig mit dem in Frieden zu kommen, was ist. Wenn ein Mensch in den Zustand einkehren kann, vollständig im Reinen, vollständig im Frieden zu sein, bedeutet das auch vollständige Balance und innere Harmonie, mit dem was ist. Selbst wenn das kein Zustand vollständigen Erwachens ist, so gibt es viele relative Zustände inneren Friedens, die weit über das hinaus gehen, was jeder gewöhnliche Mensch in diesem Leben in Erfahrung bringen kann.

Ich sah einige Menschen, die durch Erfahrungen des Erwachens in Liebe und (relativem) Frieden waren und ich sah manche, die in Erwachens-Täuschungen lebten. Wenn ein Schüler des Weges dem Konzept von Erleuchtung in der spirituellen Literatur begegnet, oder auch im Darshan eines Meisters, dann besteht die Gefahr, dass das spirituelle Über-Ich ein Erwachens-Ideal erschafft, welches es mit dem Ziel des Erwachens verwechselt. Dieses Ideal wird dann in die Zukunft projiziert, so wie jedes Ideal nur eine Zukunftsprojektion ist, während der mit dem Ideal verglichene gegenwärtige Zustand abgewertet wird. Und eben dieser gegenwärtige Zustand ist es jedoch, mit dem der Schüler Frieden schließen muss. Als ein Schüler einmal Ramesh Balsekar in einem Darshan fragte: „Ramesh, nun bin ich schon so lange den Weg gegangen und ich bin immer noch nicht erwacht!“, war seine Antwort darauf: „So what?“

Es ist ein karmisches Geschehen, das dem inneren Frieden dient. Was in dieser Inkarnation eines Menschen möglich ist, seinem Potential entspricht, wissen wir jedoch nicht. Wenn aber ein Mensch glaubt, dem Erwachen hinterherlaufen zu müssen und dabei in zunehmende Dysbalance gerät, sind es offensichtlich die Erwachensideale, die ihn jegliche Balance verlieren lassen. Der Erwachensweg ist nicht auf die eine ferne Zukunft vollständigen Erwachens ausgerichtet, er muss auf den gegenwärtigen Zustand ausgerichtet sein, um von hier aus größtmögliche innere Balance, Harmonie und Frieden zu bewirken.

„Gott ist ein lauter Nichts. Ihn rührt kein Nun, noch Hier.
 Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.“
Angelus Silesius
 

Quelle: Vortrag von OM C. Parkin am 06.01.2026 im Kloster Gut Saunstorf und Online

*Alle Textstellen in kursiver Schrift sind dem Artikel von OM C. Parkin „Erwachen aus dem Schlaf“ entnommen, erschienen im advaitaJournal Vol 16


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