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Burnout: Das Ausfließen der Seele

What is wrong with the world? Burnout ist ein Top-Thema für die Medien geworden. Die Krankheitszahlen sind alarmierend angestiegen. Im Interview beleuchtet OM C. Parkin, advaita-Lehrer, Philosoph und Leiter einer Schule für Innere Arbeit, diese Entwicklung aus spiritueller Sicht.

 

Anerkennung ist die Währung, in der Menschen die Belohnung für ihre Anstrengungen ausgezahlt bekommen wollen, ob bei der Arbeit oder in der Familie. Dafür sind viele bereit, über die eigenen Belastungsgrenzen zu gehen. Warum sind wir danach so süchtig?

 

Weil wir Glück und Liebe vor allem im Aussen suchen. Etwas anderes kennen die meisten Menschen gar nicht. Auch das Leistungsprinzip der modernen Gesellschaft steht im Dienst dieser Glückssuche. Symptome dafür sind die vielen Waren, die Konsumgesellschaften produzieren und die wir eigentlich nicht brauchen. Eine weitere Strategie ist es, in der Wirtschaft nach Ruhm und Anerkennung zu suchen. Wer sind die modernen Helden? Die Manager mit den längsten Arbeitstagen und die besten Verkäufer. Da läuft eine gigantische Maschinerie der Glückssuche – am falschen Ort.

 

Nach Ansicht der psychologischen Forschung geraten Menschen in den Burnout, wenn deren Belohnungssysteme nicht mehr funktionieren.

 

Die Veräusserlichung funktioniert so lange, wie es scheinbar einen Rückfluss gibt. Er besteht aus „Kicks“ wie Lob, Anerkennung und Bewunderung. Solange diese Stimulation anhält, bleibt unbemerkt, dass die Seelennahrung nicht aus dem eigenen Inneren kommt, sondern von aussen zugefüttert wird. Die wenigsten Menschen handeln im Einklang mit inneren Gesetzmässigkeiten. Wer in die Erschöpfung schlittert, glaubt oft, durch noch grössere Anstrengung wieder ins Spiel zu kommen. Das führt zu massiven Energieverlusten, die im Zusammenbruch der Funktionsfähigkeit gipfeln (Erschöpfungsdepression / Burnout). Der Mensch ist dann arbeitsunfähig krank. Üblicherweise wendet er sich nun an einen Arzt, der auf der körperlichen Ebene durch Gabe von Medikamenten (Psychopharmaka) die Funktionsfähigkeit wieder herstellen soll. Ist eine Symptom“heilung“ dadurch nicht zu erzielen, folgt bei einigen der Gang zum Psychotherapeuten, der die Ursache des Zusammenbruchs erforschen und den Weg aus der Dysbalance zwischen Belastung und Belastbarkeit weisen soll. Nur im Ausnahmefall sieht sich der Betroffene gezwungen, sich seinen inneren Löchern zuzuwenden, doch allein dadurch eröffnet sich eine reale Heilungschance.

 

Millionen Menschen vor allem in Mittel- und Nordeuropa leiden unter behandlungsbedürftigen Depressionen. Einige psychische Krankheiten haben in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

 

Um diese Entwicklung zu verstehen, sollte man nicht zehn, sondern mindestens die letzten 200 bis 300 Jahre analysieren. Der denkende Geist in seiner ihm eigenen Schnelligkeit betrachtet häufig viel zu kurze Zeiträume und sieht deswegen die grösseren Zusammenhänge nicht. Im Abendland brachte die Epoche der Aufklärung einen kollektiven grossen Schritt in der Bewusstseinsevolution der Menschen mit sich. Vereinfacht gesprochen, verlagerte sie den Fokus der inneren Aufmerksamkeit von einer emotionalen auf eine mentale Ebene. Oder wie ich es in meinem neuen Buch Intelligenz des Erwachens ausdrücke, „von der Glauben-schaft zur Wissen-schaft“. Diese Erhöhung des kollektiven Niveaus in der Bewusstseinsevolution hat, quasi als ihr Schatten, eine Verschiebung der Krankheiten im menschlichen Organismus mit sich gebracht. Sie verlagern sich kollektiv zunehmend auf das Feinstoffliche, auf den Emotionalkörper des Menschen und auf seine rein geistige Welt.

 

Wie stellte sich vor der Aufklärung das Krankheitsgeschehen dar?

 

Es war im Mittelalter allgemein noch viel grobstofflicher, körperbetonter. Diese Epoche wurde noch von furchteinflössenden Epidemien beherrscht, etwa Pest und Cholera, die den Körper dahinrafften. Der Verlauf vieler körperlicher Krankheiten führte regelhaft in eine Krise, in der sich entschied, ob der Kranke genas oder starb. Das war ein intensiver, radikaler Heilprozess, der viel weniger Raum dafür liess, dass Krankheiten chronisch werden und sich das pathologische Geschehen nach innen verlagert. Schlimmstenfalls auf den Geist. Der geistige Körper ist „innerlicher“ als der physische.

 

Wie reagierte die Schulmedizin auf diese Entwicklung?

 

Sie hat einen wesentlichen Beitrag zur weitverbreiteten Tendenz der Verlagerung von Krankheitsprozessen nach innen geleistet. Ihr materialistisches Weltbild hat keine umfassende Kenntnis der verschiedenen grob- und feinstofflichen Körper des Menschen und ihre Zusammenhänge. Die Hirnforschung betrachtet Emotionen und selbst den Geist als eine Erschaffung des menschlichen Gehirns. Sie erkennt sie nicht als eigene Stufen in einer Bewusstseinshierarchie, als Seinsebenen oder verschiedene Energiezustände. Ihre materialistischen Scheuklappen lassen sie fast ausschliesslich den physischen Körper betrachten und behandeln. Die Schulmediziner agieren häufig hilflos, denn sie behandeln körperliche Symptome, statt sich um eine ganzheitliche Heilung von Körper, Geist und Seele zu bemühen. Für den Geist soll dann der Psychologe zuständig sein …

 

Warum also nehmen seelische Krankheiten heute zu?

 

Die Ratio und ihr rationales Selbst- und Weltbild hat heute eine unvergleichlich höhere Potenz als vor der Aufklärung. Die Ratio ist mächtiger, komplexer, aber auch anfälliger geworden. Ihre Krankheitsanfälligkeit ist auch der Schatten ihrer Macht. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden wir Zeuge eines kollektiven Beschleunigungsphänomens, das extrem an Fahrt gewinnt. In meinem neuen Buch Intelligenz des Erwachens habe ich dieses Phänomen philosophisch hergeleitet.

 

Was sind die Motoren hinter dieser allgemeinen Beschleunigung?

 

Angst ist die entscheidende Antriebskraft. Sie setzt im Geist eine nicht endende Beschleunigungsspirale in Gang. Je mehr die materielle Sicherheit der Menschen in der westlichen Welt vermeintlich zunimmt, desto mehr Angst haben sie, und meinen, immer mehr Leistungen pro Zeiteinheit erbringen zu müssen. Aber warum sollte nicht alles viel langsamer, und dennoch sogar effektiver funktionieren? Ein wichtiger Lehrsatz der paradoxen Weisheitslehre, wie ihn meine Lehrerin Gangaji aussprach, ist: „The more you slow down internally, the faster things happen externally.“

 

Derzeit befassen sich Mediziner und Medien viel mit Phänomenen wie Depression und Burnout. Wie ist eine Psyche beschaffen, die zum Ausbrennen neigt?

 

Burnout bezeichnet nur das Endstadium eines energetischen Prozesses, der im Geist eigentlich aller Menschen abläuft. Ich nenne es das Ausfliessen der Seele, die grundlegende Veräusserlichung des Menschen. Man kann sich die Psyche als ein Gefäss vorstellen, gefüllt mit vitalem Wasser, sprich Lebenskraft. Durch viele kleine Risse läuft sie aus, verrinnt in der Aussenwelt. Zurück bleibt ein innerer Hohlraum. Aber es handelt sich beileibe nicht nur um eine Metapher. Der Prozess der Veräusserlichung der Psyche ist real und wird nur von denjenigen Menschen erkannt, die bewusst einen inneren Weg gehen. In Menschen, die „ausfliessen“, bleibt ein energetisches Vakuum zurück, sie fühlen sich innerlich leer, hohl, am Ende ausgebrannt.

 

Wie entsteht diese gefühlte Leere konkret?

 

Die gesamte emotionale Energie wird dafür verwandt, etwas in der Aussenwelt zu produzieren. Das Herzzentrum entleert sich auf diese Weise nach aussen. Das Produzierte können Güter und Dienstleistungen in der Wirtschaft sein. Oder die Beziehungen zu anderen Menschen. In jedem Falle geht die Aufmerksamkeit nach aussen und wird dort durch einen inneren Akt absorbiert, den wir „Identifikation“ nennen. Die totale Ökonomisierung des Lebens und die einseitige Marktorientierung westlicher Gesellschaften, welche zunehmend globale Ausmasse annimmt, verstärken diesen Prozess des Ausfliessens. Die Seele verkümmert dabei. Dieser Prozess kann im Enneagramm der Charakterfixierungen, einem differenzierten Modell zu Funktionsweisen der menschlichen Psyche, beim Ennea-Typ 3 beobachtet und verstanden werden.

 

Psychologen sagen, dass innere Antreiber eine wesentliche Rolle spielen, damit es zum Burnout kommt. Als Antreiber gelten Leitsätze in unseren Familien, die uns nicht bewusst sind, etwa „Du bist nur etwas wert, wenn du viel leistest“.

 

Dieser Antreiber ist das sogenannte Über-Ich, ein internalisierter Übervater oder auch eine internalisierte Übermutter. Diese Instanz will solche von aussen übernommenen Leitsätze durchsetzen, weil sie als überlebensnotwendig erscheinen. Das Über-Ich treibt das Ich an, aber es arbeitet nicht für das wahre Selbst. Es arbeitet nicht für die Innerlichkeit, nicht für die Seele, es ist wesensfremd. Es kommt von Aussen und es arbeitet für das Aussen: anderen zu gefallen, es anderen recht (oder unrecht) zu machen, andere durch Besserwisserei zu belehren. Selbst wenn es scheinbar inneren Wert schafft, besteht immer der Bezugspunkt zum Aussen. Dieser Andere kann die Gesellschaft sein, der Vater oder die Mutter, der Chef, sogar Gott.

 

Warum ist uns dieser Andere so wichtig, dass wir alles nach ihm ausrichten?

 

Wichtig ist nur zu verstehen, dass er keine reale äussere Figur oder Kraft ist, sondern eine Projektion dieses Ichs. Ich unterscheide hier nicht mehr zwischen Ich und Über-Ich, denn beide gemeinsam bilden den denkenden Geist. Es ist einer der grossen Schlüssel des Erkenntnisweges, diesen Anderen als ein projiziertes Bild des eigenen Ichs zu erkennen. 

 

Was geschieht, wenn Menschen durch Innenschau bis dahin unbewusste Glaubenssätze über Leistung und Erfolg bewusst werden?

 

Solche Lehrsätze stammen aus kollektiven Überzeugungen, also vom Anderen, ohne dass derjenige, der ihnen folgt, davon überhaupt etwas merkt. Man hält das für normal. Das sogenannte Normale ist der Geist der Masse. Er ist mächtig und versteht es, den Wahnsinn als Normalität zu verkaufen. Leistung und Erfolg beispielsweise sind Schlüsselbegriffe einer marktorientierten Gesellschaftsform, die von den Händlern dominiert wird. Sie handeln mit wirklich allem, auch mit Liebe, Angst, mit der Seele. Die heutigen Börsen beispielsweise sind doch eher ein Handelsplatz der Angst und anderer Emotionen, als ein Handelsplatz für reale Unternehmenswerte. Aus der Sicht von Händlern besteht das ganze Leben aus Kaufen und Verkaufen.

 

In unserer Gesellschaft gelten sie als die besonders Leistungsstarken und Erfolgreichen ...

 

Was aber sind Leistung und Erfolg im Sinne der Weisheitslehre wirklich? Erfolg tritt für einen Menschen, der sich nach innen wendet, dann ein, wenn er die Früchte dieser Introspektion erntet, in Form von Harmonie, Liebe und wahrem Wissen. So kann die Annäherung an innere Vollkommenheit und Meisterschaft geschehen. Doch bevor sich die Früchte zeigen, müssen die Menschen der Lüge und dem Schmerz über die Ver-Führung durch falsche Glaubenssätze ins Auge schauen. Ein Mensch, der in sich das Wesentliche, das Authentische sucht, muss sich von den geistigen Prägungen des Kollektivs, von der Masse lossagen. Ansonsten führt er ein fremdbestimmtes Leben.

 

Das ist eine grosse Herausforderung: Wenn Menschen beim Rennen im Hamsterrad nicht mehr mithalten können, fühlen sie sich minderwertig.

 

Die Leistungsgesellschaft liebt die Erfolgreichen, diejenigen, die den schönen Schein noch wahren können. Ich erwähnte bereits den Ennea-Typ 3 aus dem Modell des Enneagramms der Charakterfixierungen: Seine Leidenschaft ist die Eitelkeit. Das beschreibt nicht nur eine Leidenschaft des Ichs, sich in einem Glanz zu sonnen, der nicht seiner ist, sondern auch einen Prozess innerer Aushöhlung. Eitelkeit meint auch innere Hohlheit. Vanity ist die englische Übersetzung. Vain bedeutet sowohl eitel, als auch hohl und leer. Das Hamsterrad wird durch die eigene Eitelkeit gespeist. Wenn die nicht mehr befriedigt wird, erscheint der Minderwert.

 

Die meisten Burnout Patienten nennen Arbeitsdruck, Stress und Hektik als Ursachen für ihre Erschöpfung. Sind sie das Opfer einer allgemeinen Beschleunigung des Lebens?

 

Es handelt sich nicht um eine Beschleunigung des Lebens. Es handelt sich um eine Beschleunigung des denkenden Geistes. Wer dem folgt, ist Opfer und Täter zugleich. Denn er hat sich entschieden, selbst an dem Spiel des <mehr, schneller, effizienter> teilzunehmen. Da gibt es ein Ich, das mithalten und dabei gewinnen will. Es ist so verschmolzen mit den Werten der Leistungsgesellschaft, dass das Bewusstsein für die eigene Täterschaft verloren gegangen ist – ein weiterer Nebeneffekt des Ausfliessens der Psyche. Um wieder Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, benötigt man ein Minimum an Selbstreflexion. Dann erkennt man, dass man nicht der Spielball von Leistungsgesetzen und Marktzwängen ist, sondern dass sich jeder fragen kann: Welches Leben möchte sich aus meinem Inneren heraus entfalten?

 

Das erscheint schwierig. Viele Menschen sagen sich: Wenn ich beim Leistungsspiel nicht mitmache, kann ich mich nicht über Wasser halten.

 

Niemand wird gezwungen, sich an diesen, vermeintlich von der Aussenwelt vorgegebenen Gesetzmässigkeiten zu orientieren. Die unendliche Kreativität und Intelligenz des SELBST wird unterschätzt. Es gibt auch in der Wirtschaft Beispiele für Firmen, die einer Entwicklungskultur folgen, in der nicht der Drill auf Leistung an oberster Stelle steht, und die dennoch erfolgreich wirtschaften. Ein Beispiel ist vielleicht die Firma Bosch, ein Unternehmen, das in eine Stiftung überführt wurde und in dem soziale Aspekte traditionell einen hohen Stellenwert haben. Auch die genossenschaftlichen Geldinstitute, die Volksbanken, sind ein Beispiel. Dort gibt es keine Grossaktionäre und auch keine Manager, die Millionengehälter verdienen.

 

Kann die verstärkte Beschäftigung mit dem Innenleben für einen Menschen auch bedeuten, dass er weniger Geld verdient?

 

Grundsätzlich muss sich ein in seelische Not geratener Mensch die Frage stellen: Bin ich bereit, für einen inneren Weg, der die Seele nährt, auch auf einen Teil meines Verdienstes zu verzichten? Nehme ich dafür vielleicht auch die Unannehmlichkeiten grosser Veränderungen meines Lebens in Kauf, etwa vorübergehende Arbeitslosigkeit, einen Arbeitsplatz- oder Wohnortwechsel? Kann ich Phasen äusserer Unsicherheit aushalten? Besonders die angstbesetzten Deutschen („german angst“) sind generell stark auf Sicherheit bedacht und wertschätzen äussere und innere Unsicherheit nicht. Wird sie zugelassen, erweist sie sich als wesentliche Geburtsstätte von Kreativität.

 

Therapeuten empfehlen Burnout Patienten ja auch oft, das ‚Nein’ zu lernen. Würden Sie dem zustimmen?

 

In der Tat: Sie können Nein sagen zu aufgedrückten Gesetzen, die nicht ihre eigenen (inneren) sind.

 

Was können Menschen tun, um dem Ausfliessen der Psyche entgegenzuwirken?

 

Sie können innere Arbeit verrichten. Die verschiedenen Weisheitstraditionen kennen unterschiedliche Formen innerer Praxis. Ich selbst nutze sowohl westliche, als auch östliche Elemente. Damit meine ich Formen von Meditation, Innenschau und Selbsterforschung. Bereits diese Zuwendung zum eigenen Inneren ändert den Energiefluss. Doch wer ist dazu schon bereit? Wer sieht überhaupt diese Notwendigkeit? Wenn wir in die Politik oder in die Wirtschaft schauen: Wir werden von Menschen regiert und geführt, die völlig ahnungslos sind über die unterbewussten Wirkkräfte des denkenden Geistes, die ihr Handeln bestimmen, ahnungslos über ihren Realitätsverlust, der durch ihre spezifische Verblendung ausgelöst wird. Es ist zwar wertvoll, dass wir eine Trennung der spirituellen und säkularen Welt haben, von Kirche und Staat, um die Einflussnahme religiöser Glaubenswelten auf die Gesellschaft zu begrenzen. Aber nun gibt es keine geistig-spirituelle Sphäre mehr, die der säkularisierten Welt etwas entgegensetzen könnte. Dementsprechend gibt es auch keine Weisheit unter Politikern und den meisten Wirtschaftslenkern. Zwischen Innen und Aussen tut sich eine tiefgreifende Trennung auf.

 

Gibt es aber nicht gleichzeitig eine Hinwendung zum Inneren, was sich in zunehmenden Psychotherapien, spirituellen Zeitschriften und Angeboten wie Meditation und Yoga zeigt?

 

Tatsächlich nimmt das Interesse an der eigenen geistigen Welt zu. Das haben wir auch der Generation der 68er zu verdanken. Damals entstand eine Bewegung, die sich gegen die Lügengebäude der Vätergeneration richtete; sie machte sich fest an deren Verschweigen der Kriegsgräuel und an deren verheimlichter Schuld. Dabei entstand auch eine Subkultur von inneren Suchenden, die Sinnfragen aufwarfen, die von der Nachkriegsgeneration gar nicht gestellt worden waren. Die Veräusserlichung, die mit Leistungsdogmen der Wirtschaftswunderzeit einherging, wurde radikal in Frage gestellt.

 

Entsteht mit der Zunahme psychischer Krankheiten in der Gesellschaft so etwas wie ein Leidensbewusstsein – und damit eine Chance für mehr „Seelenpflege“ der Menschen?

 

Die Erfahrung, dass Menschen sich nur durch Krisen und Traumata wirklich verändern, haben viele von uns gemacht. Freiwillig ist niemand bereit, sich grundsätzlich in Frage zu stellen. Deshalb kann das massenhafte Auftreten seelischer Krankheiten, so merkwürdig es klingt, auch ein Glücksfall sein. Bewusst wahrgenommenes selbsterzeugtes Leiden führt zu Veränderungen. Die psychische Krise wird zu einem Merkmal unserer Zeit, in der dann auch die Sinnfrage gestellt wird: Wozu bin ich hier? In dieser Selbstreflexion beginnt man, die Werte eigenen Denkens, Fühlens und Handelns zu überprüfen.

 

Sind Psychotherapien der richtige Weg zur Heilung?

 

Innere Schulen wie die, die ich leite, lehnen Psychotherapie nicht ab, sondern integrieren sie als Annäherung an Inhalte geistiger Welten. Umfassende innere Arbeit jedoch zielt darauf, Identifikationen mit fremden Inhalten von authentischen der eigenen Seele unterscheiden zu lernen. Und sie bezieht auch überpersönliche Ebenen ein, beispielsweise geistige Inhalte aus der jeweiligen Kultur, die Menschen prägen und unfrei machen. Wenn ich mit Menschen arbeite, tauchen wir ein in mehrere tausend Jahre vorchristlicher und christlicher Geschichte. Denn unabhängig davon, ob sie nun gläubige Christen sind oder nicht: Diese Kultur hat sie geprägt. Ihr Geist ist christlich, ob sie es wollen oder nicht.

 

Warum lassen Menschen zu, dass die stressige Arbeitswelt über E-Mails und Blackberrys auch noch in die Freizeit hineinsickert?

 

Diese Zustände sind in Japan oder den USA längst erreicht. Die Wirtschaft frisst die Seele auf. Im Begriff „Humankapital“ findet diese Entwicklung ihren zynischen Ausdruck. Die Menschen machen mit, weil ihre Seele nicht die Kraft hat, sich gegen das Ausströmen und die Manipulation der Aussenwelt zur Wehr zu setzen. Ein Grund dafür liegt in kindlichen Evolutionsstufen des Menschen. Kinder lernen, indem sie Erwachsene nachahmen und deren Muster einfach komplett übernehmen. Sie lernen, sich am Aussen, an den Anderen, an der Herde zu orientieren. Das ist schnell und effizient, aber leider wird dieses Nachahmungslernen später beibehalten. Deshalb haben viele Menschen Schwierigkeiten, eine innere Autonomie zu entwickeln – und dem herrschenden Leistungsdruck eigene Werte entgegenzusetzen.

 

Wie könnte das geschehen?

 

Durch eine wirklich erwachsene Form des Lernens: Lernen durch Selbsterforschung. Dabei entsteht ein Unterscheidungsvermögen zwischen fremden und authentischen, eigenen Inhalten des Geistes.

 

Wie ist es aus Ihrer Sicht zu bewerten, dass Ruheoasen und Mussephasen wie der arbeitsfreie Sonntag abgeschafft werden?

 

Für mich ist es ein weiteres Indiz dafür, wie seelische Welten von der Realität getrennt werden. Produktion und Konsum, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Übrig bleibt reiner Materialismus und Verblödung. Aber wir brauchen für unser Seelenleben Ruhezeiten, auch den Sonntag. In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments der Bibel steht der siebente Tag für die Vollendung. Sie führt in die innere Stille, in die Rückbindung an die eigene Seele. Das ist es, was Religion eigentlich will.

 

Sie haben mit Gut Saunstorf ein modernes überkonfessionelles Kloster geschaffen. Wie wird es angenommen?

 

Ich bin als geistiger Lehrer tätig und habe einen Kreis von engen Schülern. Gut Saunstorf ist für sie, aber auch für andere Gruppen und Einzelgäste, ein Ort der Stille, der Innenkehr dienend. Die Gemeinschaft der Menschen, die diesen Ort beleben und führen, meditiert zweimal täglich und übt sich in innerer Arbeit. Allgemein beobachte ich, dass die Sehnsucht nach Stille in unserer Gesellschaft wächst. Sie ist die innere Bewegung der Psyche, um wieder Harmonie herzustellen als Gegenmittel zum Ausströmen. Ein Ort der Stille nährt die Seele. Sakrale Orte und Klöster, welcher Tradition auch immer, werden zunehmend einen essentiellen Wert für die Harmonisierung unserer Gesellschaft haben.

 

Sie sind selbst ein vielbeschäftigter Mensch. Könnte es auch Ihnen passieren, eigene Belastungsgrenzen zu überschreiten?

 

Im Prinzip: Nein. Dennoch ist nicht auszuschliessen, dass äussere Extremsituationen diesen Körper auch überlasten können, so dass er krank wird. Ich hatte vor 20 Jahren einen schweren Autounfall, der einen grossen, inneren Transformationsprozess initiierte, der aber auch körperliche Langzeitschäden hinterlassen hat. Auf dem inneren Weg lernt man, Kräfte fliessen zu lassen und sie nicht zu binden und zu blockieren, wie es Menschen üblicherweise tun. In einem reifen Bewusstsein gibt es keinen Impuls mehr, sich zu überlasten oder beispielsweise körperliche Schwächung durch Krankheit zu übergehen.

 

Interview mit OM. C. Parkin und Michael Gleich, veröffentlicht auf ChangeX (in gekürzter Form), 2012
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