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Veränderungen und Erweiterungen der Lehre

INTERVIEW MIT OM C. PARKIN

F: Wir möchten mit dir gerne sprechen über Veränderungen, die hier im Feld stattfinden. Als äußere Veränderung oder als Auslöser vieler Veränderungen sind sichtbar die Eröffnung von Gut Saunstorf und das Erscheinen deines neuen Buches „Intelligenz des Erwachens“, und wir möchten gerne von dir hören, welche innere Bedeutung diese beiden Neuerscheinungen haben. Vielleicht kannst du einfach mal aus deiner Sicht darstellen, welche Bedeutung diese beiden äußeren Ereignisse haben.

OM: Eine Abrundung und Vervollständigung der Lehre. Diese Vervollständigung zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Die eine Ebene ist die Vervollständigung der Lehre durch die Begegnung zwischen Ost und West. Ich komme ja aus dem östlichen Strom, indem ich zur Advaita-Lehre, die Essenz der indischen Philosophie, geführt wurde. Nicht traditionelles Advaita Vedanta, sondern eigentlich von der Tradition losgelöstes Advaita – dort geschah die Übertragung. Insofern war es nur natürlich, daß auch die ersten Jahre meines Wirkens sehr stark einen östlichen Geschmack hatten. Das betraf sowohl die Figur des östlichen Lehrers, des Gurus, als auch eben die Betonung des indischen Advaita auf das SEIN. Jetzt könnten wir annehmen, die Seins-Lehre sei die vollständige Lehre – was auch wahr ist. Die Frage ist nur 'was da mit SEIN wirklich gemeint ist'. Ich habe die Vervollständigung beschrieben als die große Hochzeit zwischen der Philosophie des SEINS und der Philosophie des Werdens. Ich könnte auch sagen, in der Vervollständigung der Lehre ist Advaita nicht mehr eine reine Seins-Lehre, sondern eine Seins-Lehre, die besteht aus der Vermählung zwischen einer Seins-Lehre und einer Werdens-Lehre oder auch zwischen Advaita und Dvaita. Wahres Advaita ist eine Vermählung zwischen Advaita und Dvaita. Wenn die Einheit des Jenseitigen und die Vielheit des Diesseitigen nicht mehr voneinander getrennt sind, dann ist DAS. DAS ist nicht einmal als Einheit zu beschreiben, es ist Nicht-Zweiheit.

Eine weitere Vervollständigung, die sich ergeben hat und die wichtig ist zu nennen, ist die ganz konkrete Integration des christlichen Weges, oder sagen wir der Essenz des christlichen Weges, also der christlichen Mystik. Die christliche Lehre kam immer stärker ins Bewußtsein, griff nach immer stärkerem Interesse in mir, was ich als eine selbstverständliche und natürliche Entwicklung verstehe, denn ich arbeite schließlich mit westlichen Menschen und nicht mit Indern. Und du kennst ja meine Aussage, gleich welchen Weg, gleich welcher Religion oder Tradition sich ein erwachsener spiritueller Mensch des Abendlandes zugewandt hat, er ist und bleibt christlicher Prägung, und Prägung ist hier nicht nur negativ zu verstehen, sondern auch im Sinne von Wurzeln haben. Das heißt, sein Denken, seine Geschichte, seine Herkunft – all das ist durchdrungen von christlicher Religiosität. Somit ist es unabdingbar für jeden Abendländer, der an wahrer Befreiung seines Wesens interessiert ist, sich diesen Wurzeln zuzuwenden. Das bedeutet einerseits natürlich, den verzerrten Formen der christlichen Religion, sprich den Leid bringenden Irrtümern, die diese Lehre über die Jahrhunderte durch die Theologie hervorgebracht hat, zu begegnen, und andererseits zurückzufinden zur reinen Essenz christlicher Lehre, die selbstverständlich von der reinen Essenz der östlichen Lehre nicht unterschieden werden kann. Die christliche Lehre und die reine Essenz der Lehre Jesu Christi berühren den westlichen Menschen noch auf eine umfassendere Weise als die Wahrheit, wie sie im Kontext der östlichen Kultur gelehrt wird. Das liegt daran, daß auch relative Ebenen des Menschseins und der Menschwerdung stärker durch den Lehrer Jesus Christus berührt werden.

F: Wie hängt das zusammen mit der Eröffnung von Gut Saunstorf? Wie schlägt sich das Zusammenkommen von Ost und West in diesem äußeren Rahmen nieder? Kannst du etwas dazu sagen?

OM: Wir beschreiben den Ort Gut Saunstorf bewußt als ein überkonfessionelles Kloster – einen Ort der Stille, der nicht einer Konfession anhängt oder einer Konfession den Vorzug gibt. Im Geistigen und in der Verwirklichung der Lehre, die an diesem Ort stattfindet, zeigt es sich darin, daß mir daran gelegen ist, Veranstaltungen, die dem Christlichen zugeordnet werden, hier stattfinden zu lassen, und gleichzeitig veranstalten wir buddhistische Wochen und beabsichtigen, indische Lehrer einzuladen. Dieser Ort möchte Lehrern verschiedener Strömungsrichtungen ein Zuhause bieten.

Zusammenfassend ergibt sich das Verständnis einer Vereinigungslehre, einer Lehre des integralen Weges. Der Begriff des Integralen ist sehr stark ins Zentrum gerückt, als ein ganz essentieller Begriff einer Weisheitslehre, die den Anspruch hat, Sein und Werden miteinander zu vereinen, so daß Advaita das ist, worauf dieser Begriff wirklich hindeutet, eben keine Einheitslehre, sondern eine Nicht-Zweiheitslehre. Eine Lehre, die die Zweiheitslehre, aus der die Vielheitslehre erwächst, und die Einheitslehre miteinander vereint, wird letztlich zu einer paradoxen Lehre. Diese paradoxe Lehre drückt sich aus in dem Begriff der Nicht-Zweiheit. Es ist übrigens nicht notwendig, bei solchen Abstraktionen den Geist zu verknoten … Wahres Verstehen kommt letztlich von ganz allein, wenn wir still bleiben und lauschen.

F: In der Rückschau auf all das, was du gesagt hast, zeigt sich in mir in dieser ständigen Vereinigung eigentlich die ewige göttliche Hochzeit in allem.

OM: Ich habe es ja in meinem letzten Buch so ausgedrückt:  Die Menschen auf dem Weg feiern zwei Hochzeiten, die kleine Hochzeit und die Große Hochzeit. Die kleine Hochzeit, oder die kleinen Hochzeiten – müsste man eigentlich sagen – das sind all die kleinen Vereinigungen, die auf dem integralen Weg der Selbstentfaltung geschehen, das sind Vereinigungen mit abgespaltenen Aspekten der Persönlichkeit. Es sind Vereinigungen mit dem Schatten, es ist die Wiedervereinigung mit dem Körper, es ist die Wiedervereinigung mit allen projizierten, in die Welt hinausgeworfenen Strahlen der Kraft, die durch das Innere wirken – also sehr vereinfacht ausgedrückt: das gesamte abgespaltene Material, das zur Unvollständigkeit dieses Wesens geführt hat. Die Gesamtheit dieser kleinen Hochzeiten führt zu einer relativen Integralität dieses Wesens. Ken Wilber benutzt dafür den Begriff des Zentauren, der aus der griechischen Mythologie stammt. Der Zentaur ist das Bild für diese höchste Ebene, die durch die Verwirklichung aller zusammengefassten kleinen Hochzeiten erreicht werden kann. Wenn alle diese kleinen Hochzeiten geschehen, dann ist das die Öffnung in die eigentliche, die Große Hochzeit. Das ist die Hochzeit zwischen Sein und Werden, die Hochzeit zwischen Gott und Mensch, zwischen Gott und der Welt, zwischen dem Absoluten und dem Relativen. Das ist dann die letzte Verwirklichung.

F: Du wirst sehr viel weniger mit Darshan reisen als bisher. Warum ziehst du dich aus der Öffentlichkeit zurück?

OM: Die Flitterwochen sind vorbei. Sie haben Jahre gedauert, jetzt sind sie vorbei. Aus der Satsang-Bewegung hat sich der Kern ernsthaft Interessierter herausgebildet. Der Baum wurde lange geschüttelt, die faulen Äpfel sind zu Boden gefallen. Die, die noch hängen, sind an wahrer Reifung interessiert. Ihnen gilt meine Aufmerksamkeit.

F: Das heißt, Darshan bekommt auch einen anderen Geschmack, eine andere Energie? Was verändert sich an Darshan selbst?

OM: Nichts.

F: Aber es verändert sich doch etwas?

OM: Nein, im Kern verändert sich nichts. Die Verfügbarkeit verändert sich.

F: Kann ich das als einen natürlichen Prozeß betrachten, in dem sich das Meer in seiner ganzen Fülle schenkt und in die Welt hinaus geht, und daß es genauso einen gleichen natürlichen Aspekt gibt, daß das Meer, die Kraft, sich auch an den Grund des Seins zurückzieht? Daß das ein ganz natürlicher Prozeß ist, in dem der Ort Gut Saunstorf genau dafür geschaffen wurde, so wie der Sämann aussät und dann die Ernte einholt und einfährt? Das, was vorher großzügig gegeben wurde – herausgegeben, das wird nun auch wieder nach Hause eingefahren. Und Gut Saunstorf ist genau dieser Ort dafür, daß die Lehre jetzt konzentriert ist und der Mensch kommen muss, um sie zu empfangen.

OM: Ich gebe ein weiteres Bild, das des Lebensbaumes, der Eiche. Das war übrigens auch der Baum, gegen den ich 1990 fuhr. Wenn für die Eiche die Reifezeit gekommen ist, wirft sie alle Eicheln ab. Auf dem Boden liegen hunderte, tausende von Eicheln, und sie sind für jeden aufzusammeln und verfügbar. Aber aus diesen tausenden und abertausenden von Eicheln, die dieser vitale Baum abgeworfen hat, gibt es dennoch nur wenige, die auf fruchtbaren Boden fallen und aus denen dann eine neue Pflanze beginnt zu wachsen. Mit diesen wenigen lohnt es sich zu sein. Es lohnt sich nicht, mit der Masse von Dieben zu sein, die sich Eicheln in die Tasche gesteckt haben und sie dann zu Hause auf den Altar legen – aber keinerlei Anstrengung glauben vollbringen zu müssen, um aus diesem vorübergehenden Glücksgefühl des Eicheln-Einsammelns und Auf-den-Altar-legens („Ich hab’ sie!“) zu einer vollständigen Transformation des ganzen Menschen zu gelangen. Es ist leicht, in direkter spontaner Öffnung des Herzens Erfahrungen von Liebe, von Glückseligkeit zu machen oder Einblicke in reines SEIN zu erfahren, so wie es vielen in Lucknow, Indien, bei Papaji geschah. Es ist schwer, daß sich diese Einblicke ins Unendliche vertiefen und jede Unwissenheit und Verblendung der geistigen Welt vollkommen absorbiert wird. Und ich erinnere mich an Gangajis Bild, das sie gab: Die, die Erleuchtungserfahrungen haben, sind wie die Haare des Büffels; die, die vollständige Realisation erlangt haben, sind wie die Hörner des Büffels. SATSANG ist noch keine vollständige Weisheitslehre. Damals in Lucknow, Indien, hatte das SEIN mit Papaji und alles, was dort geschah, für viele den Geschmack, als fehlte nichts in der Realisation der Glückseligkeit reinen SEINS. Daß etwas fehlt, das fördert erst der weiter verlaufende Zeitstrom zutage, wenn nämlich dann die Menschen die relativen äußeren Umstände dieses Geschehens verlassen und der Ich-Geist, mit subtileren und schwerer zu durchschauenden Masken, zurückkehrt. Ich habe sehr viele Menschen gesehen, denen bei Papaji nichts fehlte, denen aber hinterher einiges fehlte.

Und insbesondere möchte ich diejenigen erwähnen, die bereits in der Lehrerfunktion waren, die verfrüht glaubten, SATSANG geben zu können oder zu dürfen, was die gesamte Satsang-Bewegung letztlich völlig unglaubwürdig gemacht hat, daß da an jeder Ecke Satsang mit Torsten, Satsang mit Detlef und Satsang mit Bernd usw. gegeben wurde.

Die Schüler, die Papaji seit Beginn der 90er Jahre aufsuchten, stammten größtenteils aus der Sannyas-Bewegung von Osho, einer Ennea-Typ 7er Kultur. Aus der Perspektive des denkenden Geistes wird sie „das ewige Kind“ genannt. Der Schattenaspekt besteht in einer grundlegenden Infantilisierung des Daseins. Der Ashram war dementsprechend für die meisten eine große Spielwiese. Der positive Aspekt  besteht aus kindlichen Tugenden wie spielerisches Dasein, Leichtigkeit, „Celebration“, die Feier unbesorgten Daseins. Aber Verantwortung – was ist das? Verbindlichkeit? Ich suche mir lieber ein neues Spiel. Viele dieser Menschen sind dort gelandet. Die 7er-Welt trägt eine Verblendung in sich, die schwer zu durchschauen ist. Ich erinnere mich, daß Gangaji mir einmal in einem persönlichen Gespräch auf meine Frage antwortete, ob es eine bestimmte Egofixierung gibt, die besonders schwer Zugang zur Realität findet: „Der Ennea-Typ 7.“

F: Ich war selbst Schülerin von Osho und vielfach in Poona. Im Grunde genommen gab es in dieser Bewegung überhaupt gar keinen Zugang zum Leiden. Das heißt, eine bestimmte Tiefe im Menschsein, nämlich das Leiden, wurde überhaupt nicht berührt. Man wußte nicht, was eigentlich Leiden erzeugt und wie Leiden auch beendet werden kann. Denn das, was ich selbst erfahren habe, war durchfeiern, Celebration usw. – also über das Leiden hinweggehen.

OM: Leid wurde im wahrsten Sinne – abgefeiert.

F: Ja, exakt so.

OM: …und das unterscheidet einen pubertierenden Schüler des Weges von einem reifen Schüler. Die Schwelle ist das, was ich das bewußte Leiden nenne. Und das bewußte Leiden spielt ja auch jetzt in meiner Herangehensweise und in meinem neuen Buch (Intelligenz des Erwachens – Die spirituelle Neugeburt des Menschen) eine wesentliche Rolle als Schlüssel zum letzten Erwachen des Menschen. Ich stelle in meinem Buch ja auch Beziehungen her zwischen dem Geist der 68er Bewegung und der christlich-patriarchalen Mission. Wenn wir zurückverfolgen, welche jahrtausende alte Geistesverfassung unsere Kultur beherrscht hat, dann sehen wir, daß es eine Leidenskultur war. Die christliche Kultur war (und ist) eine Leidenskultur. Es ist das, was die Theologie bewirkt hat, die ja schließlich von Gelehrten geschaffen wurde, denen selbst die letzte Realisation nicht zugänglich war. Die Theologie hat aus der ursprünglichen christlichen Lehre eine Leidenstradition verfestigt, die ihren Höhepunkt im Mittelalter hatte. Das Mittelalter dauerte ja nicht 10 Jahre oder hundert Jahre, sondern 1000 Jahre. Wenn wir uns jetzt vergegenwärtigen, seit wann es überhaupt eine neuzeitliche Gegenbewegung gibt, dann ist das ja zeitlich gesehen ein Witz, denn das sind ja gerade einmal 40 Jahre seit der 68er Bewegung. Aber wir haben es hier mit etwa 2000 Jahren kollektiver Prägung in der Leidenskultur zu tun. In diesem Lichte ist dieser immense geistige Widerstand gegen die wahre innere Leidensberührung verständlich und nachvollziehbar. Aber eben diese Differenzierung zwischen der verzerrten und mißbräuchlichen Leidenskultur, und dem bewußten Leiden als Tor zur menschlichen Befreiung gelang nicht. Also „Celebration“, das  klingt doch auf den ersten Blick wie das große Heilmittel gegen tausende von Jahren Selbstkasteiung, Selbstgeißelung und Selbstanschwärzung der Identität des sündhaften Menschen, der auf der Erde letztlich nichts Gutes erwarten kann. Denn hier hat er seine Zeit abzusitzen, bzw. hat er dafür zu sorgen, daß er durch mühevolle tugendhafte Arbeit auf dem Felde – bildhaft gesprochen – sich vorbereitet darauf, daß er vielleicht im Himmel eine Form von Erlösung erfahren kann. So die alte mißverstandene asketische Lehre. Seit den 60er Jahren bezeugen wir die Gegenbewegung und ihre zunehmenden Auswüchse. Gerade berichtete mir eine Schülerin von einer Orgie in Berlin, zu der an die 4000 schwule Männer aus aller Welt in einer Fabrikhalle zusammenkamen. Wer weiß, vielleicht ist es nicht mehr lange hin und wir haben hier wieder Zustände wie im alten Rom. Hedonistische Verblödung. Dieser Geist pendelt einfach von einem Extrem zum anderen und findet die Disziplin der Heilung nicht.

F: Ich würde gerne noch einmal auf das Thema Veränderungen zurückkommen. Wenn ich im Moment schaue, nehme ich dein Wirken in verschiedenen Facetten wahr. Was mir am wichtigsten erscheint, sind die Mysterienschule, Darshan, Publikationen, Vorträge und das, was wir jetzt gerade tun, das direkte Lehrgespräch. Gibt es oder wird es Veränderungen in diesem Ensemble geben, bzw. Akzentverschiebungen? Oder kommt vielleicht auch noch etwas hinzu, was es bisher nicht gab?

OM: Ein weiterer Aspekt der Vereinigung, die geschieht durch die Eröffnung von Gut Saunstorf - Ort der Stille, ist auch die Möglichkeit der Begegnung mit anderen Lehrern. Sei es an anderen Orten oder sei es hier auf Gut Saunstorf. Ich bin an dieser Begegnung interessiert und offen dafür, ohne sie zu forcieren. Ich bin auch offen und interessiert an der Begegnung und Vereinigung des Wissens von Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft. Ich bin mir darüber bewußt, daß diese Begegnung häufig nicht einfach ist, was daran liegt, daß das Interesse oft nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Natürlich ist es nicht die Wissenschaft an sich, die kein Interesse hat, es sind ja lediglich einzelne Egos, die sich in das Feld der Wissenschaft begeben und dann eine mehr oder weniger große Öffnung erfahren. Leider ist es nach wie vor so, daß viele Hirnforscher bspw. – wie wir in der Redaktion des advaitaJournals ja auch schon erfahren mußten – doch ein sehr begrenztes Verständnis der Realitätsverzerrung des eigenen Geistes haben. Sprich – sie wissen kaum etwas über den Geist und über das Unterbewußtsein, denn sie halten einen inneren Weg für sich selbst für überflüssig.

F: Nun hat sich ja auch innerhalb der Schule noch einmal eine Veränderung gezeigt. Du hast einen neuen Strang, die Ewige Philosophie, ins Leben gerufen. Welche Bedeutung hat das jetzt – auch durch dein Buch – in deiner Lehre gewonnen?

OM: Die Philosophie ist für mich eine neue Ebene für Schüler des inneren Kreises. Vielleicht kommt auch die Zeit, in der ich Philosophie-Seminare für eine breitere Öffentlichkeit auf Gut Saunstorf anbieten werde, ich weiß es nicht. Menschen, die durch Innere Arbeit das fühlende Wesen wieder integriert haben und gelernt haben, ihren Körper wieder auf lebendige Weise zu bewohnen, sind bereit, sich der Weisheitslehre zuzuwenden. Die Philosophie führt dann alle losen Fäden wieder zusammen, setzt die Bruchstücke inneren Wissens zu einem Ganzen zusammen. Sie ist die Essenz der aufgestiegenen Lehre. Das Subkollektiv spirituell Suchender in unserer Gesellschaft außerhalb der Kirche hat die Tendenz zu einer regressiven Spiritualität. Dazu haben die 68er Kultur, die sich gegen das väterliche Prinzip richtete und im Speziellen auch die Sannyas-Bewegung beigetragen. Beide Einflüsse werden von absteigenden Tendenzen beherrscht. Die angewandte innere Praxis in der Osho-Kommune bezog sich zu großen Teilen auf den physischen oder den Emotional-Körper, aber die höhere geistige Lehre, die alles entscheidende Lehre über den denkenden Geist spielte entweder gar keine Rolle oder eine viel zu geringe Rolle, so daß Transformation in ein höheres Bewußtsein dort gar nicht möglich war.

F: Also eher Abstieg auf die magische Ebene als Aufstieg in die Weisheitsebene?

OM: Das ist richtig, und natürlich ist dieser Abstieg ein für praktisch alle Menschen notwendiger Bestandteil des Weges. Das Problem besteht nur darin, daß durch ein mangelndes Verständnis des Kreislaufs der Shakti durch die Energiezentren (Gehirne) des Menschen, es dann zu einer Regression kommt – zu einer Landung in niederen Stufen des Bewußtseins, ohne auch nur die geringste Zuwendung zu einer höheren Weisheitslehre.

F: Ich habe eine Frage zur Philosophie – Könnte man so sagen, daß du nicht so sehr damit an die Öffentlichkeit gehst, sondern mit engen Schülern an diesem Thema arbeitest, weil sichtbar ist, daß das Wissen um die Philosophie, das Wissen um das SEIN, das Wissen um Gott, gerne der Geist nimmt, der wissen will, um es dann für sich zu gebrauchen? Aber daß es kaum jemanden gibt, der das leben will?

OM: Die geistige Aufnahmefähigkeit der Menschen hat seit der Epoche der Aufklärung stark zugenommen. Das beruht augenscheinlich auf zunehmender Bildung, aber der tiefere Grund ist ein wichtiger Evolutionssprung des kollektiven Geistes auf die Ebene des rationalen Weltbildes. Das ist zunächst als ein großer Entwicklungsschritt zu betrachten. Auf dem Weisheitsweg jedoch zeigt sich dann der Schatten dieser zunehmenden intellektuellen Aufnahmefähigkeit. Der Geist ist in der Lage schnelllebig und flüchtig eine Vielzahl an Informationen miteinander zu vernetzen, ohne ihre Bedeutung in der Tiefe wirklich erfaßt zu haben. Wenn wir das jetzt auf spirituelles Wissen beziehen, dann werden wir Zeuge eines Zustandes, in dem es dem Geist der Menschen heute relativ leicht fällt, mentales Wissen aufzunehmen, abzuspeichern und in einem gewißen Rahmen auch zu vernetzen, ohne dieses Wissen überhaupt durchdrungen zu haben. Das ist der Grund, warum ich die Lehre der Philosophie beginne mit der Unterscheidung zwischen Erster und Zweiter Philosophie. Ich bin nicht interessiert an gelehrten, theoretischen Philosophen, die ich als philosophierende Intellektuelle bezeichne, die keinerlei Wissen um das wahre Selbst in sich tragen.

F: Mir zeigt sich, daß der Rückzug an diesen Ort, an dem die Philosophie gelehrt wird, einen Wandel, eine Veränderung bewirkt. Durch das Erkennen in der Philosophie ist es so, als ob eine Geheimtüre aufgeht. Wahres Wissen ist nur möglich in Kontakt mit wirklich wahrer Erkenntnis, mit einem Weisheitslehrer. Sonst lerne ich nicht die Intelligenz der Unterscheidungskraft, die unterscheidet zwischen dem, was sich wahr anhört, aber hohl und ohne Leben ist, und der Wahrheit selbst. Wenn Wahrheit gesprochen wird, ist für den, der fein sehen und erkennen kann, jedes Wort mit Leben und mit Fleisch gefüllt. Das zu erkennen ist nur möglich mit einem Gegenüber, das genau das widerspiegelt – worin ich sehen kann, erproben kann und prüfen kann, ob genau diese Unterscheidungskraft wirkt.

OM: Das ist die Funktion des verwirklichten Lehrers, würde ich sagen. Warum ich beispielsweise in meinem neuen Buch über Krishnamurti sage, daß es an diesem Punkt eine Begrenzung in seinem Bewußtsein gab. Die Begrenzung lag darin, daß er nicht erkannte, daß sein Urteil über den „Fluch“ vermeintlich äußerer Lehrer nicht wirklich aus dem reinen Bewußtsein stammte, sondern aus der Prägung seiner persönlichen Geschichte. Ein Urteil, das aus der reinen vollkommen unpersönlichen Welt stammt, kann nicht von der persönlichen Geschichte manipuliert oder beeinflusst sein. Das ist vollkommen unmöglich.

F: Seine Aussage war also: Traue keinem Guru?

OM: Das ist eine sehr begrenzte pauschale Aussage.

F: Das ist ja eine sehr heftige Aussage, die ihn selbst mit einschließt.

OM: Ein Lehrer, der eine gewiße Feindseligkeit dem Lehrer gegenüber aufbringt, spricht auch für sich selbst und hat die vollkommene Verwirklichung nicht erlangt.

F: Das ist nackte Projektion. Ich habe jetzt noch eine Frage dazu, wo Lehrer stehen. Du sprachst von Krishnamurti. Es gibt Lehrer in der spirituellen Szene, in der Satsang-Szene, wo ein Erwachen geschehen ist und wo ich die Möglichkeit sehe, und auch selbst für mich, daß Saunstorf eine Einladung ist, daß spirituelle Lehrer oder Forscher der Seele zusammenkommen, um sich gemeinsam an einen Tisch oder in einen Kreis zu setzen, um nicht nur belehrt zu werden, sondern einzusteigen in eine Intelligenz des Erwachens in sich selbst und sich gemeinsam darin sehen, stärken und diese Strahlkraft vervollständigen.

OM: Das ist richtig. Ich muss allerdings einschränkend dazu sagen, daß diese Form des Austauschs nur dann möglich ist, wenn es gleichzeitig ein Verständnis und einen Respekt gegenüber einer natürlichen unpersönlichen Hierarchie gibt. Das war ja beispielsweise bei Steven Harrison überhaupt nicht vorhanden, weshalb er für mich auch nicht glaubwürdig war.

F: Das würde ja bedeuten, daß Lehrer, die zum Austausch kommen, schon die Einsicht haben, daß es noch etwas zu lernen gibt, sonst würden sie die Hierarchie ja gar nicht erkennen.

OM: Ich selbst bin sowohl Lehrer wie auch Schüler des SEINS, und es wäre in bestimmten Aspekten durchaus stimmig, beispielsweise in der Evolutionsforschung, mich als Schüler u.a. von Ken Wilber zu sehen. Durch ihn ist großartige Arbeit geschehen, da ist eine Ordnung geschaffen worden in einer großen Verwirrung zwischen den Disziplinen der Ebenen des Daseins. So gesehen kann ich sagen: Ich bin auch ein Schüler von Ken Wilber.

F: OM, diese Aussage ist für Menschen, die nicht das volle Verstehen der Realisation in sich tragen, eine sehr wichtige und wesentliche Aussage. Wenn du das ausdrückst: Ich bin auch Schüler des SEINS, dann ist das etwas, das Menschen einlädt, mit allem zu kommen und mit allem zu sein und einfach an dem großen Tisch teilzuhaben.

OM: Das ist richtig. Und ich möchte noch etwas ganz Grundsätzliches dazu anmerken, nämlich zu dem, was ich in der Mysterienschule tue. Ich steige mit den Menschen ganz hinab. Ich tue das. Ich setze mich nicht nur hin und gebe Darshan, sondern ich steige mit den Menschen in die Niederungen ab, in Blut, Schweiß und Tränen, Körperlichkeit, alles, und in die Abgründe. Das machen viele Lehrer nicht.

Ich habe eine Unterscheidung gemacht, wie sich der Lehrer in Darshan zeigt und wie er sich in Innerer Arbeit zeigt. Es steht so in meinem letzten Buch: In der Inneren Arbeit zeigt der Lehrer sich als göttliche Menschlichkeit und in Darshan zeigt er sich als menschliche Göttlichkeit. Es geht hier um die Dynamik von Involution und Evolution – Abstieg und Aufstieg –, die 2 Grundbewegungen des Kosmos. Bewußte Involution führt zu wahrer Evolution und zur Transformation in das Göttliche.

F: Eine letzte Frage: Welche Bedeutung hat Gut Saunstorf, das Kloster jenseits von Konfession – welche Bedeutung hat der Ort für die Lehre, um die es jetzt in diesem Gespräch ging?

OM: Das Kloster ist ein Ort der Stille – immer gewesen – und ein wesentlicher Unterschied zu einem christlichen Kloster besteht in dem integralen Verständnis von Stille. Das heißt, das, was in einem christlichen Kloster geschieht, nämlich die Abkehr von der Welt und die Einkehr in sich selbst, das geschieht auch hier, und gleichzeitig gibt es den gegenläufigen Aspekt, der eben in christlichen Klöstern meist nicht verwirklicht ist. Die Stille als lebendiger Ausdruck der Seele, der die genau gegenläufige Bewegung vollzieht – nämlich nicht die Abkehr von der Welt, sondern die Einkehr in die Welt. Mitten in die Welt „unter alle Kreaturen“ – wie in meinem Buch Mechthild von Magdeburg, eine christliche Mystikerin, zitiert wird: unter alle Kreaturen, das heißt mitten in die Welt hinein. Und hier sind wir wieder bei dem Verständnis der Vereinigungslehre. Die Vereinigungslehre kann nur durch die Aufgabe jeder Form des linearen Weges erfaßt werden. Denn die Vereinigung von Widersprüchen ist im linearen Denken unmöglich, das betone ich immer wieder. Der intellektuelle Ich-Geist kann es zwar irgendwie verstehen, aber es ist für ihn nicht erfahrbar. Dein Geist kann nicht gleichzeitig Gut und Böse sein. Das kann dein Geist einfach nicht. So sehr du dich auch anstrengst, das zu verstehen. Du stößt an eine Grenze. Du kannst nicht gleichzeitig in den Himmel auffahren und in die Erde hinabfahren. Genauso wenig wie er verstehen kann, daß du im selben Augenblick Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sein kannst. Das sind seine Grenzen, und um diese Grenzen aufzugeben, geh den Weg der Mitte, den mittleren Weg, das ist der Vereinigungsweg, der Weg in die Stille. Das Kloster ist der Ort des mittleren Weges, an dem sich alle Wege kreuzen und in die innere Stille führen. Dort ist Frieden. Harmonie in Vereinigung.

INTERVIEW MIT OM C. PARKIN, 2012
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