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Die drei grundlegenden, göttlichen Wirkkräfte der Manifestation

p-om_c_parkin.jpgOM C. Parkin ist spiritueller Meister und lehrt die Ewige Philosophie, eine Philosophie der Stille. Er leitet eine Innere Schule, die Enneallionce - School for Inner Work, deren Herzstück die Mysterienschule ist.

In diesem Kurzinterview geht OM auf Fragen zu der übergeordneten Bedeutung der Heiligen Trinität ein, wie wir sie u.a. im Christentum, dem Hinduismus, aber auch im spirituellen Enneagramm wiederfinden.


 

Kannst du etwas zu der Bedeutung der Dreifaltigkeit „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ sagen?

Ein Mystiker ist nicht so sehr an dogmatischen Lehrinhalten bestimmter Religionen interessiert, sondern forscht nach den universellen Gesetzmäßigkeiten der Ewigen Philosophie, das sind „diejenigen Grundwahrheiten, die bei allen Völkern zu allen Zeiten vorhanden sind und zusammen die eine Wissenschaft aus dem einen Prinzip (Gott) ausmachen“1. Diese Gesetzmäßigkeiten müssten sich demnach in allen Religionen wiederfinden lassen. Die Heilige Dreifaltigkeit beschreibt eine dieser Grundwahrheiten in der Schöpfung des Kosmos, auch wenn Das neue Theologische Wörterbuch behauptet „Der Glaube an Gottes Trinität ist eine spezifische Ausprägung des christlichen Glaubens“. Der armenische Mystiker G.I. Gurdjieff nannte es Das Gesetz der Drei. In den 80er Jahren lernte ich von Eli Jaxon-Bear die Kosmologie des Enneagramms. Gurdjieff hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass dieses Geheimwissen in den Westen gelangte. Es zeigt, wie sich die ursprüngliche, unmanifeste Einheit im Akt der Schöpfung in einer Dreiheit manifestiert, die auch das göttliche Prinzip genannt wird (deshalb spricht man im Christentum ja auch von Dreieinigkeit, also der Dreiheit in Einheit).
Die gesamte Manifestation, also alles, was manifest ist, existiert nur durch das Zusammenwirken drei grundlegender, göttlicher Wirkkräfte. Das bezieht sich auf den gesamten Kosmos, auf das Materielle, genauso wie auf den menschlichen Geist.2
In den Lehren des Enneagramms unterscheiden wir zwischen einer schöpferischen, einer bewahrenden und einer zerstörerischen Kraft, im Hinduismus in den drei Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva wiederzufinden.

Aber das können wir doch nicht in der christlichen Dreifaltigkeit finden. Wo ist denn hier eine „zerstörerische Kraft“?

Glaubenschristen würden so natürlich nie sprechen. Die Institution Kirche und der Klerus sicher auch nicht. Dass Gott eine zerstörerische Kraft innewohnt, das klingt für einen einfachen Gläubigen nicht gerade trostspendend. Es ruft eher große Ängste hervor. Die Botschaft: „Gott kann dich zerstören“ wird erst für einen fortgeschrittenen Menschen des inneren Weges zu einer Erlösungsbotschaft. Er hat realisiert: Es geht um die Zerstörung des Egos, um die Zerstörung begrenzter Identifikation, um die Zerstörung von Verblendung und Verdunkelung.
Aber in der katholischen Enzyklopädie (Kathpedia) werden folgende Zuordnungen genannt: Vater-der Schöpfer; Sohn-der Erlöser; Heiliger Geist-der Vollender. Wir könnten also für „zerstörerische Kraft“ auch „vollendende Kraft“ einsetzen, es ist dasselbe gemeint. Das Prinzip des Todes zerstört nicht nur das Leben, den menschlichen Weg, das Bewahrende, es vollendet es auch. Das heißt, es schließt den Kreis der Verwirklichung. Die Gottesverwirklichung des Menschen.
Das ist sicherlich die höchste, die abstrakteste Auslegung der Heiligen Dreifaltigkeit.
Der spirituelle Mensch des inneren Weges kann in der Heiligen Dreifaltigkeit aber auch noch andere Dreieinigkeiten erkennen. Zum Beispiel die Dreieinigkeit zwischen dem körperlichen Menschen (Sohn), seiner Seele (Vater) und dem GEIST (Heiliger Geist). Also Körper, Seele, GEIST. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht nach einer gewagten Deutung und weit hergeholt. Aber in Jes. 9,5 wird z.B. die Geburt Jesu Christi mit den Worten verheißen: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“. Dieser „wunderbare Ratgeber“, dieser „Fürst des Friedens“, ist das in der Lesart innerer Religion nicht die Seele des Menschen?

Warum gibt es dazu kein Pendant wie: „Mutter, Tochter und Heilige Erde“?

Das Christentum zählt zu den sogenannten aufsteigenden Religionen. Entsprechend ist die Wortwahl männlich, wobei mit männlich nichts geschlechtsspezifisch Menschliches gemeint ist, sondern eines der zwei Prinzipien göttlicher Urpolarität im Kosmos, welche im Taoismus Yin und Yang genannt werden. Ich nenne sie metaphorisch die linke und die rechte Hand Gottes.

Mystiker sind weder Anhänger aufsteigender Religionen, noch sind sie Anhänger absteigender  Religionen. Was wäre denn die Wortwahl eines Mystikers?

Es wäre die Wortwahl eines integralen Weges, den ich auch den Vereinigungsweg nenne. Die Mystik ist der verborgene, innere Kern einer jeden Religion. Leider sind frühchristliche Schriften mystischen Inhalts schon früh aus dem biblischen Kanon ausgesondert worden. In dem Lehrbuch des inneren Weges Intelligenz des Erwachens gebe ich das Beispiel des „Apokryphon des Johannes“3, in dem Jesus zum Jünger Johannes spricht: „Ich bin der Vater, ich bin die Mutter, ich bin der Sohn“.  Das ist die Wortwahl eines Mystikers, des Mystikers Jesus. In der Bibel finden wir davon nicht mehr viel. Die christliche Dreifaltigkeit „Vater, Sohn  und Heiliger Geist“ ist geeignet für Theologen, die sich daran theoretisch abarbeiten können und sie ist geeignet für einfache Gläubige.
Für einen Mystiker lautet sie: mater, homo, spiritus.

1. s. auch: Intelligenz des Erwachens S. 40
2. s. auch: Intelligenz des Erwachens S. 170/171
3. eines der im ägyptischen Ort Nag Hammadi 1945 gefundenen, frühchristlichen Schriften

Interview mit OM C. Parkin, 2015
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