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Weisheit aus der Stille – Mystik als Innere Wissenschaft und innerer Weg

heißt die Konferenz, die vom 13. bis 15. April 2018 auf Gut Saunstorf – Ort der Stille stattfindet. Zu Beiträgen hat die Klosterstiftung  Gut Saunstorf den Provinzial der Schweizer Jesuiten P. Dr. Christian Rutishauser SJ, den spirituellen Meister OM C. Parkin und den Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach gewinnen können. Um besser zu verstehen, worum es bei dieser Konferenz geht, haben wir Dr. Rüdiger Porep, Vorstandsmitglied der genannten Stiftung einige Fragen gestellt. Er hat die Konferenz mit vorbereitet.

3 Referenten Konferenz
Von links: P. Dr. Christian Rutishauser SJ, OM C. Parkin, Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach

 

Frage:  Was ist „Innere Wissenschaft“?

Dr. Rüdiger Porep (RP):  Innere Wissenschaft ist jedwede Wissenschaft, deren Forschungsrichtung ins eigene Innere geht. Der Forschende selbst ist der Forschungsgegenstand. Innere Wissenschaft ist empirische Wissenschaft, sie bezeugt direkt Erfahrenes in stiller Versenkung in sich selbst. Das ist Sehen mit den inneren Augen, direktes Sehen, ohne Eingriff des denkenden Geistes. Wir erinnern uns an die biblische Aufforderung: Du sollst dir kein Bildnis machen, also kein eigenes Bild erschaffen, sondern sehen, was IST. Die äußere Wissenschaft sucht ihre Erkenntnisse in der sinnlichen Welt, in der sichtbaren, hörbaren und der ertastbaren Welt, der Welt ringsum. Die Innere Wissenschaft und die Mystik dagegen erforschen nicht das, was in diesen sinnlichen Bereichen erfahrbar ist, sondern das, was im wahrsten Sinne des Wortes über-sinnlich ist.

Frage:  Was ist mit über-sinnlich gemeint?

RP:  Über-sinnlich bedeutet „jenseits des durch die (doch sehr beschränkten) Sinne Wahrnehmbaren“. Die Innere Wissenschaft wendet sich von dieser sinnlich erfahrbaren Welt ab und öffnet ihre Aufmerksamkeit in Versenkung und Meditation nach innen und eben nicht gewohnheitsmäßig nach außen. Sie öffnet damit sozusagen die „inneren Augen“. Dazu dienen Meditation und Kontemplation in stillem Geist. Das ist der Weg der Mystik – Sehen ohne Denken.

Frage:  Und das Denken? Setzt es aus? Schweigt der Geist auf dem Weg der Mystik mit all seinem erworbenen äußerlichen Wissen?

RP:  Nein, das Bewusstsein und das Denken sind kein Gegensatz. Das Denken lässt sich ja auch nicht willkürlich abschalten. Sondern das Bewusstsein, das selbst ja still ist, ist ein reines Wahrnehmungs’organ‘. Mit seiner Hilfe wird das Denken, das ja im Bewusstsein erscheint, auf seine Quelle hin untersucht. Was ist dieses Denken? Was sind Gedanken? Wie unterscheiden sich Gedanken von unmittelbarem Sehen und was ist die Quelle der Gedanken? Die Gedanken kommen irgendwo her, aber was genau ist ihre Quelle? Bin ich das, oder kommen Gedanken von wo anders her? Sind sie eine Erscheinung aus dem Urgrund, wie andere Erscheinungen auch, ohne dass es jemanden geben muss, der diese Gedanken für sich in Anspruch nimmt? In letzter Konsequenz: Wer ist der Denker? Die innere Stille der Meditation/ Kontemplation schließt die Gedanken nicht aus, sondern untersucht sie auf ihren Ursprung hin.

Konferenz und Dr. Ruediger Porep
Impressionen der letzten Konferenzen: mittig Dr. Rüdiger Porep

Frage:  Aber warum sprechen wir bei solcher Innerlichkeit von Wissenschaft?

RP:  Aus Erfahrung! Wissenschaft offenbart Wissen, doch aus welcher Quelle? Es hat ja im Laufe der Geschichte viele Ansätze gegeben, Innere Wissenschaft als Wissenschaft zu definieren: Bei den alten Griechen schon, die Physik und Metaphysik einander gegenübergestellt haben. Und auch im Christentum des europäischen Mittelalters - und auch schon früher – in der Sophistik im antiken Griechenland, im Hinduismus und bei den Buddhisten hat es Wissenschaftler gegeben, die sich mit der Innenwelt des Menschen befasst haben. Alle diese spirituellen Richtungen, die kulturbedingt ja sehr verschieden waren, sind in der Essenz bei der Frage ‚Was ist wirklich, was ist real?‘ zum selben Ergebnis gekommen. Was ist Wahrheit, was ist Wirklichkeit und was ist Illusion, was ist das Potenzial des Menschen? Was bedeutet es eigentlich, als Mensch geboren zu sein und nicht als Maus oder als Mikrobe? Alle sind zum selben Ergebnis gekommen: Der Unterschied oder die Potenz, das Potenzial menschlicher Geburt, besteht im Vermögen der Erkenntnis des ewig Wahren. Hier geht es nicht um Ansichten, nicht um Meinungen, sondern – auf welchem Wege man auch diese Forschung betreibt – um ein immer gleiches Ergebnis. Diese Essenz der Wirklichkeitserfahrung der Weisen aller Zeiten und Kulturen nennt man die ‚Ewige Philosophie‘, die philosophia perennis.

Aber dann kam die Aufklärung und bezeichnete dieses Wissen als unwissenschaftlich. So kam es letztendlich zu einer Spaltung des Wissenschaftsbereichs. Selbst die Philosophie und Theologie wurden nur dann als Wissenschaften anerkannt, wenn sie Buchstabengelehrsamkeit bedeuteten – aber nicht innere Erfahrung. So wurden auch die Mystiker aus der Wissenschaft verbannt. Denn alles, was tiefer führt, scheint gefährlich, weil gewissermaßen die Grundlagen der illusionären Welt angegriffen werden und damit die Frage entsteht, in welcher Welt bewege ich mich eigentlich, wie bin ich dahin gekommen? Und: gibt es eine Alternative?

Frage:  Diese Definition würde ja auch bedeuten, dass jeder Mensch Innere Wissenschaft betreiben könnte, während die äußere Wissenschaft akademische Bildung erfordert.

RP:  Die Innere Wissenschaft erfordert natürlich auch Qualitäten – und das sind Interesse, Offenheit und die Bereitschaft und Fähigkeit, still zu werden, empfänglich zu werden. Und es gehört Mut dazu, zum inneren Forschen zu stehen und damit in die Welt zu treten.

Aber tatsächlich ist die Offenbarung der Welt ‚hinter‘, ‚unter‘, ‚über‘, ‚jenseits‘ der sinnlich wahrzunehmenden Welt eigentlich jedem zugänglich. Es gibt so gut wie niemanden, der keine Erfahrung über die übliche Grenze hinaus gemacht hat. Und der Momente erlebt hat, wo er etwas erfährt, innerlich sieht und als Wahrheit erkennt. Leider gibt es aber eine große Bereitschaft, diese Erfahrungen zu leugnen. Hier kommt der Mut ins Spiel, sich zu bekennen und zu sagen: Ja, das sehe ich, das erfahre ich, das ist in mir, dessen bin ich gewiss, und das ist wahr! Und das scheint schwierig zu sein. Leicht ist es, sich auf irgendetwas zu berufen, was akademisch etablierte Gelehrte von sich gegeben haben, was also ‚wissenschaftlich‘ anerkannt ist. Aber dazu zu stehen, was keiner Erklärung bedarf, was sich dem Innersten des Menschen offenbart, was Authentizität beansprucht – das ist schwer.

Kinder übrigens erfahren das Innere oft ganz natürlich. Aber das Offensichtliche, was Kinder noch sehen, wird dann wieder verborgen. Und die Forschungsfrage wäre hier: Wodurch? Wer macht das? Wie geschieht dieses Verbergen und wie kann der umgekehrte Weg gegangen werden, um das, was verbirgt, wieder außer Kraft zu setzen, damit das ursprüngliche Sehen, was in uns angelegt ist, entschleiert und wieder frei wird?

Frage:  Braucht es nicht zunächst einmal die Sehnsucht und eine ganz bewusste Suche, bevor es zur Frage des Mutes kommt?

RP:  Es ist eine große Chance, dass es die Sehnsucht als energetisches Phänomen in jedem von uns gibt. Eine notwendige Voraussetzung für das Wecken des Interesses und das Beschreiten des inneren Weges ist aber zunächst bewusster Frust: Enttäuschung als Leiden. Nur Menschen, die das erfahren, begeben sich überhaupt auf die Suche und folgen ihrer Sehnsucht. Die Frage ist nur: Wo begeben sie sich hin in der Hoffnung, das sehnsüchtig Gesuchte zu finden? Gehen sie nach außen oder nach innen? Suchen sie in der äußeren Welt oder in der Tiefe ihrer inneren Welt? Manche Suchenden landen so bei Spirituosen und andere entdecken die Spiritualität.

Frage:  Es heißt ja, nur die Leidenden suchen …

RP:  Na ja, das Leiden ist einfach durch Christi Leiden belegt und tabuisiert worden. Ein Schreckensbild aus Kindertagen: ein ans Kreuz genagelter sterbender Mensch. Wer leidet, scheint ja schon auf der Verliererseite zu stehen. Es gibt aber viele Synonyme für Leiden. Das mildeste ist Enttäuschung, ein anderes ist Frustration, Frust, also Vergeblichkeit heißt das im Deutschen. Das alles sind ja Leidensformen, zu denen jeder stehen kann. Es geht aber um das bewusste Leiden am Verhaftetsein an einer illusionären Blase einer eigenen illusionären Geistes- /Geisterwelt.

Frage:  Die Mystik schöpft in unserem Kulturkreis ja aus christlichen Quellen. Und die Konferenz zur Mystik findet in dem modernen Kloster „Gut Saunstorf – Ort der Stille“ statt. Ist diese Vorgabe nicht zu eng?

RP:  Nein, die Mystik ist ein innerer Erfahrungsweg aller Zeiten, Kulturen, Religionen. Der Zugang über die christliche Mystik fällt uns christlich geprägten Menschen (ja, auch die ‚Agnostiker‘ sind im Abendland christlich geprägt!) einfach leichter. Und zu Kloster:

Es gibt natürlich Vorstellungen davon, was ein Kloster sei, aber Klöster haben sich ja in den letzten Jahrzehnten zunehmend geöffnet. Ganz einfach aus dem Grund, weil ihnen der Nachwuchs fehlt. Aber Menschen, die sich dem Kloster als einem Ort zuwenden, der innere Erfahrung erlaubt und begünstigt, werden immer mehr. Gut Saunstorf ist eben ein unkonventioneller Ort, ein klösterliches Ambiente, das nicht von Tradition belastet ist. Der Ort ist für Menschen, die nicht mehr ganz blind suchen und leiden – an der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens, an der Vergeblichkeit ihrer bisherigen Suche. Der Ort ist für Menschen, die eine innere Ahnung haben: In mir ist ein Potenzial, das gefördert werden kann, und um diese Förderung zu erfahren, gehe ich zu so einer Veranstaltung und an so einen Ort. Das Beste wäre, alle Vorstellungen darüber, was mich da erwartet, über Bord zu werfen und mich völlig offen anzuvertrauen mit meinem Wunsch, an der Befreiung wahren Menschseins teilzuhaben und mitzuwirken.

Wir danken herzlich für dieses Gespräch.

Klosterbrief, April 2018

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